English
Johannes Kreidler Komponist

Windowed 1 (2006)

für Schlagzeug und Zuspielung

Dauer: je 5'05"

UA: 10.7.2006 Freiburg, Musikhochschule; Max Riefer, Mariko Nishioka, Schlgzg.

Erstes Stück in der Reihe, die nur um fragmentierte Soundfiles geht. Das Stück existiert in drei Versionen.

Version 1 (Alexandre Babel)

Version 1 (Max Riefer)

[Partitur als pdf]

Version 2 (Mariko Nishioka)

[Partitur als pdf]

Version 3 (Ane Marthe Holen) - Part of Audioguide

Programmtext

Angeregt von den Firenze-Bildern Gerhard Richters (eine Sammlung von Urlaubsfotos, welche teilweise mit abstrakten Farbschichten überzogen sind) und im Zuge meiner Diplomarbeit über "postseriellen Strukturalismus" dachte ich nach über Möglichkeiten der Verbindung von konkretem Material und strukturalistisch-parametrischer Kompositionsweise. Bei der Arbeit mit Granularsynthese am Computer schließlich eröffnete sich mir die Idee, über die "Fensterung" von Lautstärke verschiedene Grade der Erkennbarkeit bei Klangdateien systematisch auszuarbeiten, vom winzigen bunten Fetzen bis zur temporären Entfaltung eines Idioms. So lassen sich Übergänge anlegen von 'absoluter', parametrisch organisierter Musik hin zu bestehender, 'objekthafter' Musik, und umgekehrt. Ich bezeichne diesen Ansatz als 'Musik mit Musik'.

windowed 1 kann in mehreren Versionen ausgearbeitet werden. Vorgegeben ist die Dauernstruktur, eine stochastische Verteilung verschieden langer Ausschnitte; das dahinter liegende Klangmaterial ist individuell wählbar, dazu die Instrumentation des Schlagzeugparts.
Das Schlagzeug ist kein homogenes Instrument, sondern eine Ansammlung von Instrumenten aus verschiedenen Kulturen, die jeweils ihren eigenen Charakter haben und entfalten können, je nach Platz, den man einräumt. Ihre Signifikanz wird in der Umgebung vieler Ausschnitte aus unterschiedlichen Musiken besonders betont. Andererseits löscht die Mannigfaltigkeit partielle Bedeutungen wieder aus, oder sie konkurrieren miteinander, je nach Dauern, Dichte und andere hier streng strukturell behandelte Parameter von Klang.
Zu hören bekommen wir in dem Stück immer Ausschnitte – man steht in einem Haus und blickt durch verschiedene Fenster hinaus.

Johannes Kreidler, Juli 2006

Programmtext 2011 für Version 1:

Seit einigen Jahren konzentriert sich meine kompositorische Arbeit auf die Idee einer "Musik mit Musik": Reproduktionen von Musik werden collagiert und digital verändert, mit Live-Instrumenten neukontextualisiert und überschrieben. Durch alle möglichen Bearbeitungstechniken – Zerschneiden, Transponieren, Filtern, Schichten, Dämpfen usw. – und instrumentalen Kombinationen erforsche ich das Feld zwischen „reinen“ Klängen mit gewisser parametrischer Ordnung und „bedeutsamen“ Klängen mit Erfahrungswerten.

Als Material verwende ich hauptsächlich flache, anonyme Popmusik, die sich gut als Medium für eine neue Musik zweckentfremden lässt. Sie ist außerdem die alltägliche akustische Realität, das Mediengeräusch, das ich wieder musikalisiere (absichtlich verwende ich dafür schlechte Mp3-Qualität).

„Windowed“ konzeptualisiert diesen Ansatz auf die zeitliche Fragmentierung von im Hintergrund ständig weiterlaufenden Soundfiles; sie werden „gefenstert“. Je nach dem, wie weit das Fenster aufgeht, nimmt man nur einen unspezifischen Klangfetzen dar oder eine stilistische Identität. Dazu spielt das Schlagzeug – ebenfalls eine Collage von Instrumenten ganz unterschiedlicher Herkunft – ähnliche punktuelle Aktionen. Im Mittelteil wird das Öffnen und Schließen aber auch ganz materiell mit der Hihat ausgetestet.

Johannes Kreidler, Oktober 2011