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Johannes Kreidler Komponist

Kantate. No future now: 1. Hard / Lichtenstein / 2.: gekürzt / 3. Ehe und Arie / 4. selbst / ganzer Film / Kreidler (ePlayer) / Club / Dr. Meissner / 5. Barock, Choral / Singspiel. (2008)

für großes Ensemble und Sampler

Dauer: 13'30"

UA: 12.5.2009, Frankfurt, Ensemble Modern, Johannes Kalitzke, Ltg.

[Partitur als pdf]

Programmtext

Seit einigen Jahren konzentriert sich meine kompositorische Arbeit auf die Idee einer "Musik mit Musik": Reproduktionen von Musik werden collagiert und digital verändert, mit Live-Instrumenten neukontextualisiert und überschrieben. Durch alle möglichen Bearbeitungstechniken – Zerschneiden, Transponieren, Filtern, Schichten, Dämpfen usw. – und instrumentalen Kombinationen erforsche ich das Feld zwischen „reinen“ Klängen mit gewisser parametrischer Ordnung und „bedeutsamen“ Klängen mit Erfahrungswerten.

Als Material verwende ich hauptsächlich flache, anonyme Popmusik, die sich gut als Medium für eine neue Musik zweckentfremden lässt. Sie ist außerdem die alltägliche akustische Realität, das Mediengeräusch, das ich wieder musikalisiere (absichtlich verwende ich dafür schlechte Mp3-Qualität). In der Kantate... kommt nun eigene und traditionelle Musik hinzu, „ePlayer“-Aufnahmen (ein Begriff des Philosophen Harry Lehmann, d.h. eine Partitur für traditionelle Instrumente wird von Instrumentalsamples am Computer abgespielt) und einzelne Töne aus Instrumentalklang-Datenbanken sowie über den Musikkontext hinaus auch Material aus den Tonspuren der Filme Szenen einer Ehe, Blade Runner und einem mir selbst nicht näher bekannten türkischen Film. Die ganze Montage könnte man „Medienmusik“ nennen; das Werk ist ein Netzwerk aus musikalisch-selbstreferentiellen, politischen und persönlichen Inhalten.

Die Vermischung von Eigenem und Fremdem, die Differenz zwischen abstrakter Phonetik und konkreter Semantik betrifft immer die Identität - philosophisch und sozialpsychologisch, aber auch juristisch-urheberrechtlich, in Anbetracht des global vernetzten Austauschs von digitalen Gütern heute. Die Rechtsgrundlage meines Materials ist meist ungeklärt. Das zeigt: Die Frage nach der Identität ist eine Frage nach der Freiheit.