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Johannes Kreidler Komponist

Mein Staat als Freund und Geliebte (2017/18)

Oper für Chor, Pianist-Performer, Tenor, Tänzer, Video und Orchester

Dauer: 95'

UA: 27.4.2018 Oper Halle

Pianist-Performer stefanpaul
Tenor Christian Voigt
Chor und Extrachor der Oper Halle
Tänzerinnen und Tänzer des Ballett Rossa
Staatskapelle Halle

Komposition, Konzept und Regie Johannes Kreidler
Musikalische Leitung Christopher Sprenger
Bühne und Kostüme Christoph Ernst
Dramaturgie Michael von zur Mühlen
Einstudierung Chor L.d.B. / Rustam Samedov
Videoinspizienz Iwo Kurze, Kai Hengst
Ton Heiko Westphal, Jonathan Wolgast
Licht Victor Schenke
Inspizienz Berd Bunk
Soufflage Anke Hoheisel
Regieassistenz Lisett Ansorge
Ausstattungsassistenz Ayfer Ezgi Karatas
Bühnenmeister Christian Kusch
Videodokumentation: Matthias Rieger

Auftragskomposition der Oper Halle, gefördert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung

Ausschnitte (15 Minuten)

 

Trailer 1

 

Trailer 2

 

[Pressetext] [Essay] [Radiogespräch auf Radio Corax] [Interview auf Transit] [Vorbericht von Anna Schürmer in der Neuen Zeitschrift für Musik] [Besprechung von Tobias Schick in den MusikTexten] [Besprechung in der Leipziger Volksstimme] [Besprechung auf crescendo.de] [Besprechung von Max Erwin in Tempo 72 (auf englisch)]

„Ich liebe dich, Staat.
Ich liebe dich auch, Frank“
– küssen sich

Johannes Kreidler bringt in seinem neuen Musiktheaterwerk angesichts des weltweit erstarkenden Nationalismus eine Reflexion über Gemeinschaft, Massenbewegungen, Staatstheorien und Protest in eine Bühnenform. Er legt den Finger in die Wunde eines Begehrens nach Zusammenhalt, Zugehörigkeit und gesellschaftlichem Sinn.

Der Protagonist dieses Werkes ist ein für die Oper gleichermaßen grundlegender wie vernachlässigter Charakter: der Chor. Traditionell steht er in der Oper für Gemeinschaftlichkeit und für das Erleben eines von verschiedenen Sänger-Körpern geteilten Klangs voller Kraft, Intensität und Überwältigungspotenzial. Der Chor erzählt und flankiert den Plot einer Operngeschichte, er ist die sinngebende Instanz und kommentiert das dramatische Geschehen. Darin ist er eine Schlüsselfigur, um die gegenseitige Durchdringung philosophischer, sozialer und realgeschichtlicher Diskurse mit der Ästhetik der Operngeschichte zu verstehen. Kreidlers Arbeit greift diese Chorfunktion auf und zeichnet ihre Entwicklung von der antiken Volksmasse hin zur heutigen Stellvertreterschaft eines organisierten Staatsapparats nach. Das Werk macht gegenwärtige Gemeinschaftskonzepte vom Patriotismus bis zur bürgerlichen Kleinfamilie als politische Instrumente bestimmter Interessen erfahrbar, in denen libidinöse Bindungen instrumentalisiert und orchestriert werden: Brüderlichkeit, Liebe zur Nation, Opfer für die Gemeinschaft. Dynamiken von Masse und Einzelnem, Revolte und Eingliederung werden seziert, ästhetisiert und somit wahrnehmbar gemacht, um sie in ihrem gegenwärtigen Gewaltpotenzial erfahrbar werden zu lassen.

Der Komponist und Aktionskünstler Johannes Kreidler ist einer der meist diskutierten und polarisierendsten Figuren der Neuen Musik. Doch Musik allein gibt es für ihn nicht. Musik hat mit Technologie zu tun und mit der Politik der Technologie, mit Konsumverhalten und dem kulturellen und wirtschaftlichen Wert von Kunst. Politik und Alltag lassen sich für ihn nicht ausklammern, wenn er komponiert. Die Nöte, in denen man sich befindet, müssen in das Kunstwerk hinein geholt werden und das, was sonst subkutan passiert, soll deutlich hervortreten. Das Material für Kreidler ist die Welt, die uns umgibt, das Internet, unsere durchökonomisierte und -technologisierte Welt. Fallende Börsenkurven speist er in einen Kompositionscomputer für Kinder ein und heraus kommt wohl die beschwingteste und naivste Melodie zur Krise. Globalisierte Ausbeutung thematisiert er nicht über die Abbildung, sondern im Nachvollzug der Mechanismen: In der Auftragskomposition fremdarbeit agierte er als Komponisten-Unternehmer und reichte den Auftrag an in China und Indien lebende und deutlich billiger arbeitende Komponisten weiter: Das was alltäglich hingenommen wird, gewinnt provozierende Lesbarkeit.

 

Fotos: Falk Wenzel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verwandte Arbeiten:
Mein Staat als Freund und Geliebte ist Kreidlers dritte große Musiktheaterarbeit nach Feeds. Hören TV und Audioguide.
An der Oper Halle hat er außerdem zwei Jahre vor dem "Staat" im Operncafé den szenischen Essay Industrialisierung der Romantik aufgeführt.

Ebenfalls ein größeres Werk mit Chor ist Lippenstift.

Siehe auch: Vortrag Vom erweiterten Musikbegriff zur Medienkunst (Musiktheater-Symposium in Leipzig 2018).