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Johannes Kreidler Komponist

Selbstauslöser (2019)

Musiktheater für 2 Performer, Chor, Audio und Video Zuspielung

Dauer: ca. 115'

UA: 28.9.2019 Volksbühne Berlin

BAM! Festival für aktuelles Musiktheater

Johannes Kreidler und Arno Lücker, Performance
Vokalensemble PHØNIX16, Ltg. Timo Kreuser

Konzept, Komposition, Regie: Johannes Kreidler
Dramaturgie: Arno Lücker
Bühne: Dejana Sekulic
Video: Johannes Kreidler, Dejana Sekulic
Videoregie: Peter Lell

Kameras: Uli Aumüller, Jakob Bauer, Adrian Schmidt

Megatrailer

 

Fotogalerie

 

Ausschnitte

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ganze Stück

 

Skript

 

»Ich selber betrachte das Cello als einen Teil aller Dinge und als den Mittelpunkt des Weltalls« Gregor Piatigorsky

Selbstauslöser ist ein Stück über Instrumente und den ›Instrument‹-Begriff. Wenn wir Musik hören, hören wir Instrumente, sie sind der initiale Zugang zur Welt des Klingenden, die musikalischen Verwirklichungsmittel: Mittels verfügbarer Objekte, mittels körperlicher Techniken und eingeübter Bewegungen wird Klang geschaffen und gestaltet. Nicht so anders sind andere, massengefertigte Geräte als Zugang zur Welt, deren ›Instrumentalisten‹ wir alle sind – Handys, Keyboards, Plattformen wie Facebook, der Twitterstream. Auch bei diesem Instrumentarium bewegen wir uns innerhalb bestimmter Möglichkeiten und Strukturen, tun Dinge und werden getuned. Und im Deutschen fungiert das Wort ›Instrument‹ auch oft als (politische) Metapher: »Die Mietpreisbremse ist ein Instrument zur Regulierung des Wohnungsmarkts«.
Als »postmusikalisches Musiktheater« wird hier Physik und Metaphysik der Instrumente beleuchtet, die Diktatur des Instrumentariats in der technisierten Welt am Beispiel der Musikinstrumente vollzogen, durchlitten, genossen. Es ist nun mal so: Wenn wir Musik hören, hören wir Instrumente. Manche Dinge verhalten sich, cellophilosophisch betrachtet, ganz anders, als wenn man sie flötenphilosophisch angeht. Der Bogenstrich als Bogenschlag, beispielsweise von musikethnologischen Mythen (»die Trommel aus Ziegenhaut stellt die musikalische Substanz des Schlachtopfers dar«) zu modernen Mythen (»weil er sie als Linkshänder verkehrt herum hielt, konnte Hendrix phänomenal Gitarre spielen«); Medientheorie kann umgemünzt werden auf Musikinstrumente (»mal spielst du die Blockflöte, mal bist du die Blockflöte«) und von da zurück zu den Interfaces der digitalen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts – wo man auf Facebook auch darüber debattieren kann, ob die nicht-veganen Bestandteile von Instrumenten (Rosshaarbögen, Darmsaiten, Paukenfelle) ethisch noch vertretbar sind, während in den Amazon-Kundenrezensionen der Diskurs heiß läuft, ob die Ein-Ton-Bing-Fahrradklingeln den alten Ritschritsch-Klingeln überlegen sind oder nicht.
Ob man lieber streicht ober bläst, lieber solistisch in die Tasten haut oder zum Höhepunkt der Symphonie das Becken schlägt – die Psychologie der Instrumente, für Spielende wie für Hörende, ist komplex, und was immer auch damit gespielt wird: Der Klang verklingt, das Instrument bleibt.
Klavierspielen ist Philosophieren mit dem Hammer. Die Guillotine im Paris der Revolution wurde von einem deutschen Klavierbauer namens Tobias Schmidt gefertigt. Ein Macht- und Mordinstrument. Jedes Instrument ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man es antastet. Kann ein Musikinstrument kritisch sein? Eine gute Philosophie ist ein Instrumentenlager. Und doch, nie erfahren wir die Musik selbst, immer durch ein Instrument hindurch. Daran scheitern so viele Musikliebhaber. Aus manchen Instrumenten bekommt man überhaupt keinen Ton heraus.
Es gibt Instrumente, deren Körper selbst, ohne ein darüber gespanntes Fell oder eine Saite, klingen – das Becken, die Glocke, die Glasharfe. Sie sind Idiophone, ›Selbstklinger‹ – was wären dann, jetzt wird es spekulativ, ›Selbstauslöser‹? Was spielt das Instrument nun mit dir...?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auftragswerk des BAM!Festival für aktuelles Musiktheater

 

 

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Siehe auch: Vortrag Vom erweiterten Musikbegriff zur Medienkunst (Musiktheater-Symposium in Leipzig 2018).