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Johannes Kreidler Komponist

Industrialisierung der Romantik (2016)

Szenischer Essay über Wagner und Marx, uraufgeführt im Operncafé Halle am 1.11.2016

Dauer: 75'

Dan Karlström, Gesang / Sprecher
Kay Stromberg, Klavier
Hansjörg Zäther, Assistenz
Michael von zur Mühlen, Dramaturgie
Christoph Ernst, Raumgestaltung
Johannes Kreidler, Konzeption / Regie / Performance

Trailer 1

Trailer 2

In einem Theaterhappening kreist Johannes Kreidler assoziativ, atmosphärisch und collagierend um den Umbruch und Widerspruch von Romantik und Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Anhand der Fotografie, die laut Kreidler „viel zu früh“ kam, stellt er Momente der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen dar, wie man sie in den Liedern Schuberts und Brahms‘ ebenso findet wie in Wagners Ring des Nibelungen, der ein „Kunstwerk der Zukunft“ sein will und zugleich in einer mythischen Märchenwelt spielt. Chopin ließ sich bereits 1846 fotografieren, während das erste überlieferte Photo Wagners von 1860 ist – auf dem dieser nachgerade >irre< dreinschaut. Dafür gibt es von Wagner insgesamt 57 verschiedene Photographien, die Kreidler alle in der Bühnendruckerei der Halleschen Oper als Postkarten drucken ließ und auch als Poster aufhängt (und wieder abhängt). Ebenso analysiert er qua Reenactment mit Selfiestick die erste Filmbiographie Wagners von 1913.

Die Analogie von der Belichtungszeit (die Mitte des 19. Jahrhundert noch fünf Minuten betrug) zur Dauer des Rheingoldvorspiels (fünf Minuten) kommt nicht von Ungefähr; so wie es diese Dauer braucht, damit der Lichteindruck auf die Fotoplatte gebrannt ist, braucht Wagner auch diese Dauer, um jenes Es-Dur einzubrennen. Der Zuschauer sitzt im Bayreuther Festspielhaus ebenso regungslos wie bei einer Foto-Sitzung. Und so brennt im Stück der Performer dem Publikum fünf Minuten lang die Information ein, die sich noch wenig herumgesprochen hat, dass Wagner sich nie über Marx geäußert hat.
Aber wie Wagner verwendet Marx auch diese Analogie für die Gegenständlichkeit von Waren, die wir für objektiv nehmen wie den Lichteindruck, der aber in Wirklichkeit eine physische Sache des Auges ist. Ebenfalls kommt Derrida auf die Leinwand zurück, wenn er in Marx‘ Gespenster die Geister-Fotografie, eine Art Grusel-Mode des 19. Jahrhunderts, mit Marxens Geist- und Gespenst-Metapher zusammenbringt.

Das Verstecken der Technik: das Orchester im Graben, so wie das Foto im Apparat, die Dunkelkammer Bayreuth; und der Lautsprecher ist auch ein unsichtbares Orchester – das Verstecken der Technik, das dann sichtbar gemacht wird, indem Papier, hier Fotos Wagners, auf die Membran gelegt wird und dadurch vibriert, geschieht als Geistertechnik ohne Technik. Nebenbei, nicht zu vergessen: Auch Marx‘ Erregung kommt aus dem Geist der Romantik, sein Utopismus ist Kind der vormärzlichen Schwärmerei.
Viele Male verwendet Marx das Wort >Instrument< als politische Metapher im Kapital. In dem szenischen Essay Kreidlers hat Kunst entsprechend die Aufgabe, zu ent-metaphorisieren, das >Instrument< wieder ein Instrument werden zu lassen.

Industrialisierung der Romantik
Gesamtmitschnitt, 75 Minuten

Kritik in der Neuen Musikzeitung

"[...]
Kreidler bei dieser Spurensuche zu folgen, macht Spaß. Dass zu Zeiten, als die Fotografie aufkam, die Belichtungszeit für ein Foto (zum Beispiel von Richard Wagner) so lange dauerte wie das Rheingold-Vorspiel, diese Technik also irgendwie zu früh kam, ist so eine von den vielen Pointen, die er vorspielt und die nachwirken, auch wenn er längst Nietzsches brillant formulierte Wagnerverachtung aufblitzen lässt. Oder das „Kapital“ aufschlägt und allein mit Marx’ ersten Sätzen über die Ware, dessen Rang als wortgewaltigen Analytiker in Erinnerung ruft. Er verhakt sich staunend in der Wiederholungsschleife des Satzes „Der Name Marx findet sich in Wagners Äußerungen überhaupt nicht, während eine Beschäftigung mit Hegel immerhin aktenkundig ist.“ Stimmt. Immerhin. Vielleicht deckte ja Herzensfeind Nietzsche Wagners Philosophen-Bedarf hinlänglich. Wo Kreidler mit dem besseren Wissen des Nachgeborenen die Marxsche Dialektik genau in Nibelheim auf Wagner treffen lässt, sprühen schließlich die Geistesfunken!"

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Website der Oper Halle zu dem Projekt.

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Fotos: Falk Wenzel