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Johannes Kreidler Komponist

Klavierstück 5 (2005)

für Klavier und vierkanalige Zuspielung

Dauer: 11'50"

UA: 12.1.2006 Freiburg, Musikhochschule, Sebastian Berweck, Klv.

[Partitur als pdf]

Programmtext

Mit hochwertigen Klaviersamples kann, täuschend echt, der Klavierklang nach innen (ins Mikrotonale) und nach außen (über den Ambitus der Tasten hinaus) erweitert werden.
Transponiert man Samples von Klaviertönen extrem tief nach unten, klingt nur noch ein Brummen. Transponiert man sie extrem nach oben, entsteht Rauschen. Die beiden Extreme ähneln in ihrer Geräuschhaftigkeit einander – das Ganze lässt sich zu einer Schleife verbinden.
Einen audiblen Kreis kann man auch durch Raumbewegungen ziehen (mittels quadrophoner Lautsprecher-Aufstellung im Konzertsaal, auf CD immerhin noch als Stereo-Panorama).
Wird der Tonhöhenkreis der Samples an den Lautsprecherkreis im Saal gekoppelt, befindet sich an jeder Position im Raum ein bestimmter Tonhöhenbereich. Logisch ist in dem Fall: Der Bühne mit dem realen Klavier sind die Töne A-2 bis c5 zugeordnet, links davon wird es dann immer noch tiefer, nach rechts immer höher, hinter dem Publikum sind die geräuschhaften Ränder.
Bleibt ein Zusammenklang stehen, bleiben seine Einzelteile an ihren Raumpunkten stehen: Der Klang installiert sich.
Der Pianist kann spielen wie eine MIDI-Wiedergabe: mechanisch.
Schließlich kann aus dem geräuschhaften Bereich der extremen Transpositionen alles Mögliche in die normale Lage rücktransponiert werden. Jedes Sample klingt extrem hoch und extrem tief nur noch indifferent. Im weiteren Verlauf des Stückes erscheinen aus dem Grau von oben und unten: Zitate aus Schönbergs und Boulez’ Klaviermusik, Aufnahmen aus dem Supermarkt, Fußballfans, das eigene Stück, meine Stimme, Unkenntliches. Die meisten Komponisten zitieren Beethoven und Brahms, ich pflege anderes zu zitieren.
Ist ein Klaviersample schon ein Zitat?
Wenn das eigene Stück als vorproduzierte Aufnahme zitiert wird, kann diese auch wieder hoch- und tieftransponiert werden, mit den oder gegen die schon vorhandenen Transpositionen.
Man kann durch das eigene Stück spulen: ganz an den Anfang zurück (wo hat das Stück denn seinen Anfang?) und weiter vor, in seine Zukunft. Das Spulgeräusch ist selbst wieder musikalischer Klang, der Pianist spielt ähnlich Klingendes; und es folgt natürlich das Spulen des Spulens und so weiter, eine Rückkopplung.
Das Ganze geht aber doch immer weiter, dank der Inkonsequenz und technischer Mängel (Qualitätsminderung bei den Reproduktionen). Die Kreise drehen sich zu Spiralen auf oder löschen sich aus.
Immer wieder Stellen, an denen sich Details vordrängen. So ist das Leben.

Leitsatz für das Komponieren war: „Die Differenz von Medium und Form wird ihrerseits medial“ (Niklas Luhmann, Das Medium der Kunst). Geht auch als Hör-Leitsatz.
Das Stück wurde mal in einem Schreibworkshop als Vorgabe abgespielt, zu der die Teilnehmer einen unmittelbaren Erlebnisbericht schreiben sollten.

Johannes Kreidler, August 2009