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Johannes Kreidler Komponist

Piece for Harp and Video (2018)

Dauer: ca. 9'

UA: 9.9.2018 Gauedamus Music Week Utrecht / Miriam Overlach

 

[Partitur]

Hinter den Harfensaiten steht ein Monitor, auf dem ein vorproduziertes Video läuft. Dieses Video wird mit einer Kamera auf eine große Leinwand übertragen, die durch die Saiten filmt, während die Spielerin die Saiten dehnt und kippt, später dann auch zupft.
Daraus ergeben sich Muster, Fenster öffnen und schließen sich, eine Semantik des Durch-Gitter-Wahrnehmens etabliert sich. Später kommt zur räumlichen Rasterung die zeitliche: Die Shutterfrequenz, sozusagen der Grundrhythmus der Kamera, bildet die schwingenden Saiten mit 25 Einzelaufnahmen pro Sekunde ab, wodurch sich durch Interferenz charakteristische Alias-Effekte ergeben; die Saiten scheinen vorwärts, rückwärts oder sogar stehend zu schwingen. Zuletzt sieht das Publikum sich selbst durch diese Schwingungsmatrix.
Ich bezeichne den Kompositionsansatz als Medienkunst mit ‚Musik‘. ›Musik‹ ist hierbei der Inbegriff kultureller, technologischer und politischer Disposition von Klang; wie in diesem Beispiel anhand der Struktur des Instruments, in dessen Rahmen vertikale Saiten eingespannt sind, durch die man hindurchsehen kann. Alle Aktionen sind als Partitur genau ausnotiert, sind insofern ein rhythmisch-musikalisch ausgehörtes Setting, auch wenn tatsächlicher Klang erst im zweiten Teil des Stücks erklingt. Zuerst wird eine spezifische Musikalität ins Visuelle transponiert, gewissermaßen theatralisiert, die mit der musikalischen Aura der Harfe zusammenhängt, ehe sie mit wirklich Klingendem zusammengebracht wird.
Die Harfe ist hier gedeutet in ihrer Durchlässigkeit zu anderen Medien, und doch bleibt sie immer im Vordergrund. Man kann jedoch die Wahrnehmung auf die Zwischenräume richten, und Durchhörbarkeit wirft die Frage nach dem Dahinter auf. Harper (altfrz.) für greifen, packen (vgl. Harpune) – für das Publikum bleibt zu entscheiden, auf welcher Seite der Gitterstäbe es sich eigentlich befindet: in der Zelle oder in der Freiheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auftragswerk von Miriam Overlach und der Gaudeamus Music Week.

 

Verwandte Arbeiten:
Seit 2016 sind einige Stücke für Soloinstrument und Video entstanden.
2 Pieces for Clarinet and Video
Typogravitism für E-Gitarre und Video
rationalization-irrationalization für Glissandoflöte und Video
The Wires Für Cello und Video
Piece for Harp and Video

Ebenfalls mit Gitterstrukturen befasst sich das Shutter Piece.

Siehe auch: Vortrag Music or Media Art?.