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Johannes Kreidler Komponist

5 Programmierungen eines MIDI-Keyboards

Solo-Performance für MIDI-Keyboard, Computer, Lautsprecher-
beschallung und Live-Video-Projektion (2006)

Dauer: ca. 16'

Das Keyboard steht auf der Bühne auf einem Ständer oder Tisch, Kabel und Computer sind versteckt, die Beschallung kommt von der Bühne. Per Video sollen die Tasten auf eine Leinwand auf der Bühne projiziert werden, so dass man als Hörer auch gut sehen kann, was gerade gespielt wird.

1. WTK 1,1

Jede der 12 Tasten ist Regler für die Dynamik eines jeweils im Hintergrund laufenden Soundfiles.
Zu Beginn soll der Spieler erst ein bisschen an den Tasten herumprobieren, hören, ehe er dann die Noten des ersten Präludiums aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers (welches hier nun doch etwas anders temperiert ist) von Johann Sebastian Bach hernimmt und das Stück spielt (alles ohne Töne auszuhalten, mit Ausnahme des Orgelpunkts am Ende). Die C-Tasten sind mit einer Aufnahme des C-Dur-Präludiums belegt.

 

2. bulgarische Skala

Jede der 12 Tasten löst einen anderen algorithmischen Verlauf von Tönen aus. Als Klänge dienen Klaviersamples, das Ganze soll etwas an Nancarrow erinnern. Man spiele langsam (noch wesentlich langsamer als der Komponist es verlangt) den langsamen Tanz aus Béla Bartóks 1. Mikrokosmos. Im Lauf des Stücks beschleunigen. (Dem Stück Bartóks liegt nicht wirklich eine bulgarische Skala zu Grunde.)

 

3. Schönberg re-diatonisiert

Schwarze Tasten werden zu weißen umgerechnet (der musikgeschichtlich völlig neue Begriff der "De-Alteration").
Darauf spiele man das Menuett (ohne Wiederholung, ohne Trio, ohne Reprise) aus Arnold Schönbergs Suite Op.25. 'Romantisch' interpretieren!

 

4. Träumerei

Zwischen allen Tasten wird interpoliert, mit Sinusklängen. Im zweiten Teil geht von jedem Ton ein Glissando abwärts, später in schnellerer Geschwindigkeit. Das Keyboard sollte entweder auf weichem Untergrund liegen oder schräg angestellt sein, als flössen die Töne die Tasten hinunter.
Hier spiele man Robert Schumanns Träumerei. Den ersten Teil nicht wiederholen; ab dem zweiten Teil kommen die Abwärts-Glissandi, ab der Reprise in schnellerem Tempo. Letzteres kann man visuell unterstreichen, in dem das Keyboard dann noch schräger gestellt wird.

 

5. Universität der toten Philosophen

(nach Heiner Müller, Hamletmaschine). Nicht bei Drücken einer Taste erklingt der Ton, sondern erst bei Loslassen. Dadurch entsteht eine krasse Dekonstruktion der gespielten Musik, was sehr schwer zu realisieren ist, da es den Spieler stark irritiert. Man spiele die mittlere Fuge aus dem letzten Contrapunctus von Bachs Kunst der Fuge, bis Takt 153 ungefähr, da abbrechen als sei hier das Ende des Fragments.
Diese Schaltung kann auch als Installation ("Nachdruck / Studie über strukturelle Verspätung 1") exponiert werden.

 

Johannes Kreidler, Oktober 2006

Die 5. Programmierung war bei Faithful 2014 als Installation und Konzertstück zu hören

 

 

Eine Ausstellung der 5. Programmierung als interaktive Klanginstallation Nachdruck / Studie über strukturelle Verspätung 1 beim "jour fixe" der Berliner Gesellschaft für Neue Musik am 26.5.2008: