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Johannes Kreidler Komponist

Fantasies of Downfall (2015)

für Vibraphon, Audio- und Videozuspielung

Dauer: 12'40"

UA: 1.8.2016 Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik / Håkon Stene, Perk.

 

[Partitur]

Der Erd- und Weltuntergang kommt zwar sicher, da die Sonne und irgendwann alle Energie des Universums verglüht, aber mindestens 500 Millionen Jahre lang wird die Erde noch in etwa wie in der jetzigen Form bewohnbar sein. Die Menschheit ist zwar durch Kriege, Seuchen und Naturkatastrophen beträchtlich dezimierbar, aber ich halte es für logistisch ausgeschlossen, dass über 7 Milliarden Menschen, mit Technik ausgestattet und über den ganzen Globus verstreut, sich ausrotten ließen. Auch der 2. Weltkrieg, so schlimm er war, reduzierte die Gesamtpopulation gerade mal um 2%. Selbst ein Weltkrieg, sagte Gottfried Benn, endet als Witzobjekt am Stammtisch. Alle apokalyptischen Fantasien (zB in Filmen wie Melancholia) sind Unsinn, quasireligiöse Eschatologie. Ihre Popularität ist bedauerlich und gewissermaßen eine Hybris: Man will beim großen Ende dabeisein. Tatsächlich heißt das, wenn noch 500 Millionen Jahre Zeit ist, dass es nur eine Frage der Zeit ist – stochastisch kann man sagen: wohl ziemlich bald im Verhältnis zum Ganzen – bis die Menschheit das maximale Paradies auf Erden erreicht hat, also ein hoher Lebensstandard für alle ohne Raubbau an der Natur, und die Menschen machen nur Arbeit, die sie gerne machen, alles andere erledigen Maschinen. Das Stück handelt davon, dass Einbildungen des Untergangs nichts als Einbildungen sind, realiter sind das Herunterfallen, das Straucheln bis zur Imagination des Weltuntergang profan, real, trocken, ganz rational beschreibbar oder psychologisch erklärbar. Und so geht es musikalisch um verschiedene, sehr genaue bzw. umfassende Darstellungen der Bewegung nach unten: die Schwerkraft, die Bewegungsverläufe von Treppenschritten, der Interpretation von politischen Bewegungen auf der Straße, von Tastenbewegungen mit Richtung und Gegenrichtung; die Bewegung nach unten kann ebensogut eine Bewegung nach oben sein.

Im Stück geht es mir um ästhetisch-rationale Betrachtungen von Abwärtsbewegungen, ganz physisch-konkret im ersten Teil, geometrisch bei dem Fuß, dekonstruiert mit dem Klavier, abstrahiert in dem Teil ohne Video, den Klavier-Teil dann bezogen auf das Notenschreiben, den Fuß-Teil dann bezogen auf politische Bewegungen, den physischen Teil dann bezogen auf Psychologie mit den Schuhen.

Although doomsday is sure as the sun and eventually all the energy of the universe burns up, at least for 500 million years the Earth will be habitable more or less as in its present form. Humanity can be considerably decimated through wars, plagues and natural disasters, but I think it is logistically impossible that over 7 billion people equipped with technology and strewed all over the globe, could be eradicated. Even the horrible World War II decreased the overall population just by 2%. Even a World War, Gottfried Benn said, ends up as a joke object at the root table. All apocalyptic fantasies (eg in movies like Melancholia) are nonsense, quasi-religious eschatology. Their popularity is unfortunate and something of a hubris: We want to there at the final end. Indeed it is, if we have another 500 millions of years left, that it is only a matter of time - stochastically one can say: probably pretty soon in relation to the whole - until mankind has reached the paradise on earth, thus providing a high standard of living for all without overexploitation of nature, and people do only work that they like to do, everything else is taken care by machines. The piece is about the fact that fantasies of decline are nothing but fantasies, in reality falling down, stumbling and the imagination of the doomsday are profane, real, dry, quite rationally describable or psychologically explainable. Hence, musically different, very accurate or complete representations of the downward movements are exposed: gravity, the movement patterns of stair steps, the interpretation of political movements on the streets, key movements with one direction and the opposite direction; the downward movement is a movement upwards.

The Piece belongs to the Program "Music with the Real". Music with the Real was an artistic research project undertaken from 2014–2017 within the Norwegian Artistic Research Programme, at the Norwegian Academy of Music. It was initiated by percussionist Håkon Stene and composer Henrik Hellstenius, and included a series of commissions, concert performances, seminar lectures and text production involving a total of twenty contributors.

 

 

 

 

 

 

Auftragswerk von Håkon Stene für das Projekt "Music with the Real"

Siehe dazu auch: Vortrag Sound and Gravity.