English
Johannes Kreidler Komponist

Textinstallationen

Erschienen im Bad Blog of Musick der Neuen Musikzeitung.

[Text als pdf]

„Theorie muss im Theater immer in Programmheften gefangengehalten werden, sonst würde sie den ganzen Laden auffliegen lassen.“ (René Pollesch)

Ich komme gerade noch rechtzeitig zum Konzert, die Musiker haben die Bühne schon betreten und nehmen Platz, me too. Schnell noch falte ich das Programmheft auseinander, das etwas arg klein gedruckt ist. (Sparmaßnahme? Versteckte Klauseln?) Oh, ein langer Programmtext zum ersten Stück! Aber da wird der Saal schon dunkel und die Klarinette haucht mir den ersten Ton in die Muscheln.

Nach ein paar Minuten der üblichen „Neue-Musik-Klänge“ – wie soll’s auch anders sein, bei den immergleichen Instrumenten – drängt sich die Frage auf, was denn für Gedanken hinter dem Stück stecken. Also probiere ich jetzt doch noch zu erfahren, was der Komponist einen wissen lässt. Möglichst ohne der Musik Papierraschelsounds hinzuzufügen, falte ich das Heft wieder auseinander, versuche durch variierenden Einfallswinkel das schummrige Restlicht einzufangen und lese drei Absätze und eine Vita, unterbrochen von ein paar überraschend eingesetzten Akzenten der kleinen Trommel.

Ich finde das sehr seltsam. Da vorne spielen mir Musiker akkurat ausgehörte und -notierte Septolen vor, und dazu gibt es simultan einen Text in Form einer zeitlich völlig frei begehbaren Installation – bei leidlichen Lichtverhältnissen. Ist dieses Missverhältnis intendiert?

Die Programmtexte der Neuen Musik sind ungefähr wie Audioguides in einem Museum, dessen Klimaanlagen derart laut sind, dass der Guide besser außerhalb der Ausstellungsräume benutzt würde. Oder wie Bildinformationstafeln, die der Betrachter eigenhändig vor das Bild stellen kann.

Es gibt keinen Konsens darüber, ob Programmtexte für die Neue Musik relevant sind oder nicht. Daher müsste der Hörer schon als Vorsichtsmaßnahme alle Texte zum Konzert vorher lesen. Das passiert freilich nicht. Das wiederum scheint den Komponisten egal zu sein.

Ich gehöre nicht zur Fraktion der programmtextphoben Komponisten, die gleichwohl meist überraschend redselig sind. Im Gegenteil: Ich mag Information, ich möchte zusammen mit der ästhetischen Wahrnehmung auch Nonästhetisches verarbeiten (Programmtexte, die selber Kunst sein wollen mag ich eher nicht; ich glaube an das Zusammenwirken von Sinnlichem und Begrifflichem). So wie der Komponist mich durch seine Komposition gängelt, darf er mir auch konzeptuell einen Fokus geben. Denn fast alles Klangmaterial ist exploriert; des Ausdifferenzierungsgrades ist man müde, zumal er sich ins gesellschaftliche Abseits wegverfeinert; die Negationen sind positiv geworden und global relativiert – all das ist kein Garant mehr für „Neue“ Musik. Was sie heute von den Unterhaltungsmusiken unterscheidet, ist nicht mehr die Klarinette in atonalen pianopianissimo-Septolen gegenüber der grölenden Punkband mit den vier Akkorden, sondern in erster Linie ein Konzept. Wie dieses zusammen mit der Musik zu vermitteln ist, wäre die Frage! Aber die üblich gewordene Form des Abdrucks eines Werkkommentars vom Komponisten im Programmheft ist fast dilettantisch.

Wo bleibt die Fantasie fürs Medium? Das Programmtext-Wesen der Neuen Musik ist merkwürdig unterentwickelt im Verhältnis zu ihren elaborierten Partituren. Wenn sprachliche Informationen zu dem Stück wichtig sind, dann macht eine Moderation, beamt Text (keine Literatur!) an die Wand oder verteilt eigens zum Stück Handouts (und sorgt für Saallicht). Wenn der Text vergleichsweise unwichtig ist, dann macht das Saallicht aus, damit gelauscht wird oder lasst ihn weg! Weitere Informationen könnten auch durch Angabe einer Web-Adresse für später ‚verlinkt’ werden. Wenn hingegen all das dem Hörer überlassen bleiben soll, wäre doch grundsätzlich eine offene Form des ganzen Werkes angebrachter – zum frei zu lesenden Text auch eine frei rezipierbare Musik – aber kein herkömmliches Konzert, bei dem die Musik ordentlich im Guckkasten aufgeführt wird. Wenn es aber die strenge Konzertform ist, dann täte auch dem Programmtext etwas mehr Strenge gut.

Johannes Kreidler, Dezember 2009