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Johannes Kreidler Komponist

Partitur eines Musiktheaters

Product Placements

für Komponist / Aktionskünstler, Verwertungsgesellschaft und Medien

Erschienen in der Zeitschrift Positionen 77

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Vorspiel

Der Komponist programmiert in 4 Stunden ein 33sekündiges Stück, das 70.200 Zitate enthält. Er erstellt in 7 Wochen 70.200 Einzelnachweise auf Papier, die zur Werkanmeldung bei der Verwertungsgesellschaft nötig sind. Er macht einen Film und einen Essay dazu und publiziert all das im Internet.

Filmausschnitt: Telefonat mit der Verwertungsgesellschaft.

K: Guten Tag, ich habe ein neues Stück komponiert und muss das jetzt bei der GEMA anmelden.
V: Da müssen Sie ein Formular ausfüllen.
K: Können Sie mir das zuschicken?
V: Gerne, wollen Sie vielleicht gleich mehrere?
K: Ja, 70.200 bitte. Ich zitiere in meinem Musikstück 70.200 andere Stücke, und die muss ich ja alle angeben.
Einblendung: „Johannes Kreidler wird am 12.9.08 als Kunstaktion ein kurzes Musikstück mit 70.200 Zitaten bei der GEMA anmelden, mit 70.200 Formularen.“

Essay: Komponieren und Urheberrecht

Es hat auch sein Gutes, dass die Neue Musik gesellschaftlich und ökonomisch de facto irrelevant ist: Ihre Narrenfreiheiten reichen bis zur praktischen Rechtsfreiheit. Niemandem kommt es hier in den Sinn, Ideenklau oder getreue Übernahmen einzuklagen, denn es gibt monetär (und moralisch) nichts zu holen. Jörg Widmann kann vor einer Gruppe Jugendlicher in Hitzacker ungeniert behaupten, gewisse Klavierspieltechniken selbst erfunden zu haben, die tatsächlich seit spätestens den 1960ern kursieren. Das wird allenfalls musikwissenschaftlich, aber gewiis nicht juristisch besprochen.

Theoretisch ließen Rechtsbrüche sich natürlich ahnden. Urherberrechte entstehen schon bei einer einfachen kreativen Leistung von eigentümlicher, sprich: individueller „Schöpfungshöhe“. Die Anforderungen sind dabei gering; bereits simpelster Schlagermusik wird „Schöpfungshöhe“ zugesprochen, ebenso Einspielungen und Naturaufnahmen, für die Leistungsschutz und Tonträgerherstellerrecht bestehen. Heiße Eisen sind in neuerer Zeit vor allem Samples, bei denen der Diebstahl offenkundiger ist als bei Übernahme einer Zwölftonreihe. Ob das neue Musikstück, in das etwa ein Schlagersample inkorporiert ist, selbst ein Schlager ist oder radikalste Neue Musik: Öffentliche Aufführung, Sendung, Verbreitung oder Verfügbarmachung über das Internet und andere elektronische Netzwerke, Bearbeitung, Speicherung und Übertragung sind verboten. Entgegen der landläufigen Meinung, bis zu zwei Sekunden oder vier Takten dürfe alles verwendet werden, gibt es für den Umfang der kopierten Stücke keine Vorformulierung; schon die Verwendung eines winzigen Klangpartikels ist potentiell rechtswidrig; das begutachten Sachverständige von Fall zu Fall.

Was hat diese potenzielle oder theoretische Illegalität nun mit der isolierten Praxis der Neuen Musik zu tun? Das Dilemma besteht ja darin, entweder gesellschaftlich wirkungslos und narrenfrei oder gesellschaftlich relevant und unfrei zu sein, denn die Verwertung und somit auch die urheberrechtliche Brisanz ist an die Resonanz gekoppelt. Ab wann jeweils ein Kläger auftritt, lässt sich kaum voraussagen. Klar ist jedenfalls, dass die Neue Musik aus der Isolation geholt werden muss. Dem leistet die digitale Technologie in bewusstseinsbildender und distributiver Hinsicht Vorschub. Das Problem fängt indes schon beim Formalen an. Die Komponisten Neuer Musik versuchen ja, an den Markt anzuschließen und melden ihre Werke bei der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) an; das kulturelle Nischendasein nehmen sie gewohnheitsmäßig in Kauf, reale Armut aber wahrscheinlich nicht. Der GEMA-Werkanmeldebogen fragt allerdings nicht nur gegenwartsfremd nach „Tonart“, „Opuszahl“ und „Anzahl selbständig geführter Stimmen“, sondern fordert auch ein reines musikalisches Material oder aber Lizenznachweise für fremde Klänge. Wer mag da lügen?

Es ist ja längst keine rein juristische Angelegenheit mehr, sondern zunehmend auch eine ästhetische: Seit der medialen Allverfügbarkeit im Internet einerseits und dem zu Ende gegangenen Materialfortschritt in der Neuen Musik andererseits stellen sich mit jeder Klangverbindung die (unbeantwortbaren) Fragen: Was ist eigen, was ist fremd, was ist empirisch, was negierend, was ist semantisch, was Phänomen, ab welcher Länge hat etwas Zitatcharakter? Wie mit den Medien umgehen, da auf einem Medium zu sein ja bedeutet, selbst Medium zu sein? Das Werk ist Netzwerk. Was also ist heute Identität? Dem hinkt der GEMA-Formalismus so weit hinterher wie das Urheberrecht allgemein.

Der „Open Space“ der Internet-Kommunikation macht spätestens jetzt zweierlei deutlich: Erstens muss Kreativität medial ermöglicht werden, sprich: grundsätzlich legal sein. Kopieren ist eine Kulturtechnik und ein derartiger technologischer Fortschritt setzt sich erfahrungsgemäß immer durch. Die lächerlichen Versuche der Tonträgerkonzerne, eine digitale Simulation des Copyrights des 20. Jahrhunderts zu errichten, gleichen einer neuen Prohibition. Gott sei Dank hört Musik auf, kommerziell zu sein! Anders als im Sozialismus wird das die Produktion steigern, quantitativ und qualitativ.

Zweitens muss Kreativität anders honoriert werden, verstärkt durch Aufträge, die die Tantiemen vielleicht vollständig ersetzen und die geschaffenen Werke der Menschheit frei übergeben könnten. Es darf nicht sein, dass für kleinste Klänge Lizenzen gekauft werden müss(t)en, die monatelange Arbeitsleistung eines jungen Komponisten aber in keinem Verhältnis zur GEMA-Ausschüttung steht − dafür hat dieser selbst wiederum der GEMA noch Gebühren zu entrichten, wenn er seine eigenen Werke im Netz zum (kostenlosen!) Download anbietet. Demgegenüber gilt es neue Finanzierungsmodelle wie konsequente Abgaben auf Leermedien oder eine Kulturflatrate zu entwickeln − vorausgesetzt, der Begriff „Kultur“ wird dabei ernst genommen und die industrielle Klangproduktion greift nicht den Löwenteil ab.

Die Kreativsten unseres Landes forderten die Kanzlerin in einem offenen Brief, der am 24. April 2008 in den großen deutschen Tageszeitungen erschien (und von der Musikindustrie finanziert wurde), dazu auf, ihre Rechte zur „Chefsache“ zu erklären und geistiges Eigentum gegen die Internet-Piraterie zu verteidigen. Die Unterzeichnenden, zu denen neben Klaus & Klaus, DJ Ötzi und Scooter auch Aribert Reimann und Wolfgang Rihm zählen, bekräftigten sich mit dem Slogan „Geistiges Eigentum ist das Öl des 21. Jahrhunderts“. Wo kämen wir da hin, wenn künftig alle Öl frei verfügbar hätten? Wenn die Gedanken frei wären? Mögen Kunstwerke zu dieser Diskussion Öl ins Feuer gießen.

1. Akt

Die Aktionsankündigung geht schlagartig um die halbe Medienwelt. Symptomatisch für ein überkommenes Urheberrecht und seine Handhabe von Musikverwertern in digitalen Zeiten ist der Umstand der Angabepflicht jedes kleinsten Fremdanteils. Die Medien sind dankbar, dass dieses allgemeine Unbehagen nun einmal mit Kunst – Musik, Film, Essay, Papierskulptur und Aktion – sinnlich dargestellt wird: die 70.200 Zitate symbolisieren die Millionen Musikstücke und Filme, die täglich angeklickt werden, die Formularberge den Druck, der auf der Verwertungsgesellschaft liegt, die Kürze des Musikstückes die Datenkompression. Blogs, Feuilletons, Radio und Fernsehen berichten.

Blog-Headlines:
„Streit vorprogrammiert“
„German Samplemeister creates Nightmare for German RIAA“
„Erster legaler GEMA-Hack“
„Da ist Musik drin!“
„Most Samples ever“
„7,5-Zentner-Partitur“

Interview des Aktionskünstlers mit einer linken Tageszeitung:

T: Wie kommt es zu dieser Zahl, 70.200?
K: Durch Bescheidenheit. Ich habe stark untertrieben, theoretisch kann man am Computer pro Sekunde schon nachweisbar 44.100 Zitate abspielen, technologische Artistik. Ich will aber die GEMA gar nicht quälen, es geht hier um Visualisierung, etwas soll wahrnehmbar werden, also ästhetisiert werden.
T: Das Urheberrecht?
K: Die digitale Welt, mit der das Urheberrecht nun fertig werden muss.
T: Aber Sie sind doch selbst als Komponist Urheber und am Schutz Ihres geistigen Eigentums interessiert?
K: Aber nur insofern, dass es nicht die eigene kompositorische Fantasie einschränkt. Es muss beides möglich sein, kreativer Umgang mit Bestehendem und Vergütung von kreativen Leistungen.
T: Soll "geistiges Eigentum" frei verfügbar sein?
K: Madonna hat Millionen dafür bezahlt, dass sie einen ABBA-Song covern darf um damit wieder Millionen einzunehmen. Wenn nun aber der ABBA-Song frei verfügbar wäre, dann würden das natürlich viele unternehmen, mit dem Effekt, dass der gute alte ABBA-Song wohl doch am beliebtesten bliebe, sofern jemand nicht etwas wirklich Originelles hinzufügen könnte. Und das ist doch sinnvoll, wenn Originalität sich durchsetzt statt Madonnas Kaufkraft. Originale kann man kopieren, Originalität nicht.
T: Aber wenn Neonazis Ihre Musik für einen Werbefilm einfach verwenden?
K: Dann habe ich einfach Scheiße komponiert. Wenn ich übrigens Neonazi-Musik sample schützt das Urheberrecht das wertvolle geistige Eigentum der Neonazis.
T: Viele sagen: 70.200 Fragmente, die auf 33 Sekunden komprimiert werden - das ist Quatsch, weil kein Zitat mehr erkennbar ist.
K: Das bestimmen nicht sie, sondern Juristen. Schon kleinste Klangfetzen können als fremdes geistiges Eigentum gelten, worauf der Anmeldebogen ausdrücklich hinweist. Es gibt da dieses ironische Wort dafür, „Schöpfungshöhe“. Dazu zählt jeder Murks der Volksmusik, und natürlich potentiell auch jedes Byte. Es gibt keine Untergrenze. Ich habe es natürlich völlig übertrieben bzw. untertrieben, aber das ist der Quatsch der GEMA, die selbst das kleinste Element wissen will, wobei ich extra auch längere Zitate drinhabe. Und Quatsch ist, dass man als Kreativer immer noch einen Juristen konsultieren muss. Die anarchistischen Zeiten sind ja jetzt zu Ende, ich meine den freien Verkehr im Internet. Wer abgemahnt wird, hat nicht verhütet. Ich war bislang im Glauben, die Technologie säße am längeren Hebel, aber nun fürchte ich doch ernstlich, dass die Software-Riesen, denen der Staat zuarbeitet, das Oberwasser gewinnen wird, und das geht jetzt aber nur mit ziemlicher Brutalität seitens des Staats. Darum ist mein Stück so kurz, das ist zu Ende. Als nächstes komme ich mit einem leeren Laster und reiche ein symbolisches Nichts ein, meine Musik ist nun geläutert und rein, nur von mir und niemandem sonst. Ich habe mir schon einen Decoder dafür programmiert, „3pm“, die Umkehrung von „mp3“, mit dem nicht die unhörbaren Frequenzen entfernt werden, sondern die hörbaren.
T: Eine Alternative wäre die Kultulflatrate, mit Pauschalabgabe, aber individueller Ausschüttung. Wie kann das gehen?
K: Das muss sich einfach zeigen, aber natürlich bricht dann ein Verteilungskrieg aus. Man kann nicht mehr eruieren, wieviel Musik eines bestimmten Künstlers konsumiert wurde. Downloadzahlen kann jeder fälschen. Dann muss man nach der Qualität entscheiden, das wird spannend. Mein Werk allein bringt keine Lösung, es geht erst mal darum, die Diskussion zu entzünden, und das geht nicht einfach mit Widerständen, sondern durch Widersprüchlichkeiten.
T: Haben Sie Unterstützung? Grüne und Piratenpartei stehen ja auf ihrer Linie.
K: Ich bekomme waschkörbeweise E-Mails. Witzig ist, dass mir viele schreiben: Das machen wir jetzt alle und bringen die GEMA zum Kollaps. Darauf sage ich: Wenn ihr wollt, aber ihr macht es ja ohnehin im Netz dauernd, dass ihr Informationen kopiert und bearbeitet - von Nichts kommt Nichts, jeder Künstler ist eine Verwertungsgesellschaft. Es geht aber eher darum, mit einer signifikanten Aktion vorzustoßen, also „Avantgarde“ im ursprünglichen Sinne, und von da aus weiterzugehen. Ich könnte im Übrigen auch ironisch sein: Wer meine Idee, 70.200 fremde geistige Eigentümer zu verwenden, übernimmt, klaut mein geistiges Eigentum. However, die Resonanz bestätigt mich natürlich, und der 12.9., wenn ich bei der GEMA-Generaldirektion in Berlin meine Papierberge einreichen werde, soll ein Event in der Geschichte des Urheberrechts werden.
T: Ist Ihr "Musiktheater" nicht auch an den Gesetzgeber gerichtet?
K: Der Bürokratismus ist GEMA-Sache, denn er betrifft selbst das Sampeln urheberrechtsfreier Werke. Darüber hinaus wäre es aber freilich schön, wenn die GEMA ihrer Lobbyarbeit im Dienst der Kreativen nachkäme und die Formularfracht zum Bundestag weitertransportierte. Dann wäre es eine große Oper.

2. Akt

Vor der Generaldirektion der Verwertungsgesellschaft. Menschenmenge. Journalisten, Radio, Fernsehen und Aktivisten aller Parteien des linken Spektrums warten. Ein Kleinlaster fährt vor, Aktionskünstler und Helfer steigen aus und decken die Pritsche auf, die stapelweise mit Papier beladen ist.

Aktionkünstler agitatorisch: Musik ist keine Kunst mehr, Musik ist eine juristische Fachdisziplin! Aber ich mache aus dem Juristischen wieder Kunst! Sie erleben die Aufführung einer von 500.000 GEMA-Werkanmeldungen im Jahr. Das ist das Urheberrecht, wie die GEMA es vertritt! Wegen des veralteten Urheberrechts werden unsinnig Bäume abgeholzt! Wieviele Komponisten müssen jetzt warten, weil die GEMA nur hiermit beschäftigt sein wird auf Monate? Die GEMA darf dieses Werk nicht annehmen, es ist völlig absurd. Das System muss sich ändern, in dem so etwas geschehen kann. Wird es sich ändern? Oder wird mein Stück das illegalste Stück der Musikgeschichte sein?

Während Helfer die Stapel ausladen, entwendet plötzlich ein Passant einige Formulare. Verfolgungsjagd.
Aktionkünstler
: Haltet ihn! Das ist Diebstahl geistigen Eigentums!

Pressekonferenz im Kasino der Verwertungsgesellschaft. Zweistündiger Diskussionspoker um Kreativität in digitalen Zeiten, Creative Commons, das Urheberrecht, die Werkanmeldung, Kulturflatrate, Datenschutz, Kunstfreiheit, das Musikantenstadl bei dem alles voneinander abgeschrieben klingt und eine „Unkulturflatrate“ fällig wäre, Lippenbekenntnisse der Verwertungsgesellschaft über „Handlungsbedarf“; viele verschiedene Meinungen und Richtungen, viel Rhetorik seitens der Angeprangerten. Der Komponist verschenkt demonstrativ illegalerweise CDs mit seinem Stück. Keine Lösungen.

Nachspiel

Hinterräume. In Interviews geben sowohl der Aktionskünstler als auch die Verwertungsgesellschaft die Aktion als ihren Sieg aus. Der Künstler ist sich gewiss, dass die Diskussion jetzt in Gang kommt, die Verwertungsgesellschaft sagt nun, dass sie keinerlei Handlungsbedarf sehe, allein die Politik sei Schuld. Die Medien tragen beide Meinungen in die Öffentlichkeit.

Dokumentation der Aktion: http://www.kreidler-net.de/productplacements.html

Johannes Kreidler, September 2008