
Die Möglichkeiten des Komponierens haben sich für mich
durch den technologischen Fortschritt stark erweitert. Beispielsweise
wird die seit Jahrzehnten ausgegebene Parole „anything goes“
überhaupt erst jetzt real – weil mittels Computer und Lautsprecher
nun tatsächlich alles Klingende eingesetzt werden kann. (Bis vor
zehn Jahren war „alles“ fast nur im Rahmen der klassischen Instrumente
machbar.)
Mit der Emanzipation vom Klassik-Image erledigen sich dann meines
Erachtens diverse, gern genutzte Nährböden der Kunstmusik:
neoromantische Ausdrucksoffenbarungen, Neue-Musik-Simulationen,
Stilprovokationen oder Kritik am „philharmonischen Schönklang“.
(Die Berliner Philharmonie ist ein Altenheim – will ich ein Altenheim
kritisieren?)
Technik ist nicht mein Steckenpferd, ich bin einfach in eine
universelle technologische Revolution hineingeboren. Weil die
Digitalisierung ein Massenphänomen ist, heißt für mich
mit dieser Technologie zu komponieren, gesellschaftlich aufgeweckt und
thematisch bezogen zu komponieren. Das „Anything“ ist kein Selbstzweck,
sondern ein riesiges Repertoire, aus dem ich aus inhaltlichen
Gründen wähle, ob die Klarinette in pianopianissimo-Septolen
oder einen Drumloop – jedenfalls kann beides Neue Musik sein. Der
Kunstcharakter liegt für mich nicht mehr definitorisch an der
klanglichen Oberfläche und in der strukturellen Tiefe, sondern
wesentlich in Konzepten und Semantiken.
Der konzeptuellere
Ansatz zeitigt Polymedialität (oder
umgekehrt zeitigt die Tatsache, dass Komponisten endlich eine freiere
Medienwahl haben, Konzeptualität): Ich schreibe Konzertmusik
ebenso wie ich
Musiktheaterstücke inszeniere, mache Web-Filme und designe neue
Instrumente.
Kunstwerke, die einmalige Aktionen waren, gehen über in den Status
ihrer Dokumentation.
Bevor ich anfange auch nur einen Ton zu schreiben oder eine Schallwelle
zu programmieren, befindet sich auf meinem Computer beziehungsweise im
Internet schon praktisch die gesamte Musikgeschichte als Klangdateien
ebenso wie als Partituren. Also brauche ich vieles gar nicht mehr zu
komponieren, was es bereits gibt und per Mausklick eingesetzt werden
kann. Wozu an der Feder knabbern, wenn andere auf nützliche
Lösungen gekommen sind? Häufig verwende ich Popmusik-Samples,
vornehmlich von schlechter Popmusik – das Mediengeräusch, damit
mache ich Geräuschmusik. Auch sonst suche ich die Welt gerne nach
Vorlagen, „Präkompositionen“ ab, statt mir etwas aus den Fingern
zu saugen. Das sind beispielsweise Statistiken, Baupläne,
Politikerreden, et cetera. Ich lasse auch den Computer viel selber
komponieren; je mehr ich damit arbeite, desto schöner finde ich
die Ergebnisse. (Vielleicht liegt das daran, dass man bei Google,
Facebook & Co so viel mit Algorithmen „kommuniziert“.)
Überspitzt gesagt: Das Medium muss
komponiert werden, wie das dann entfaltet wird, das ist die
übliche musikalische Fantasie, die auch jeder Kirchenmusiker hat –
oder von Algorithmen und Bestehendem ausgefüllt werden kann.
Das kann
natürlich schlecht auf fünf Notenlinien mit
Tinte geschrieben werden. Ich habe mir meine eigene Kompositions- und
Notationssoftware COIT („calculated
objects in time“) geschrieben, mit der ich von Hand oder per
MIDI-Keyboard
Notenobjekte platziere, algorithmisch Verläufe erstellen oder
remixen lasse,
sie grafisch darstellen kann, das ganze anhören kann (sowohl die
elektronischen
Anteile als auch die instrumentalen, dank einer riesigen, qualitativ
hochwertigen Instrumentensamplebibliothek, „ePlayer“), ich also sehr
viel
experimentiere, und woraus am Ende eine spielbare Partitur in
Fünfliniennotation generiert wird. Manche Arbeiten kann ich danach
gleich ins
Netz stellen und über mein Blog und Facebook bekannt machen; mein
Blog hat
täglich eine dreistellige Besucherzahl.
Die Ensemblekultur der Neuen Musik ist in die Jahre gekommen. Ohne zusätzliche Lautsprecherklänge empfinde ich die kleinen gemischten Instrumentalbesetzungen als einigermaßen schal geworden. Die Ensembles sollten, so wäre mein Wunsch, jetzt einen Klangregisseur samt Equipment als festes Mitglied zählen, die Musiker das Spielen von MIDI-Instrumenten ebenfalls beherrschen. Dokumentationsformen im Netz halte ich für eine segensreiche Ausweitung des Aufführungswesens.
Mit den neuen digitalen Freiheiten ist für mich die Grundkonzeption, das Setting, die Medienkonstellation die Schlüsselfrage. Frei nach Beuys sage ich mir: Zeige deine Medien!
Juni 2010