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Johannes Kreidler Komponist

Mein Schreibzeug

Erschienen in: Positionen 84 (August 2010)

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Die Möglichkeiten des Komponierens haben sich für mich durch den technologischen Fortschritt stark erweitert. Beispielsweise wird die seit Jahrzehnten ausgegebene Parole „anything goes“ überhaupt erst jetzt real – weil mittels Computer und Lautsprecher nun tatsächlich alles Klingende eingesetzt werden kann. (Bis vor zehn Jahren war „alles“ fast nur im Rahmen der klassischen Instrumente machbar.)
Mit der Emanzipation vom Klassik-Image erledigen sich dann meines Erachtens diverse, gern genutzte Nährböden der Kunstmusik: neoromantische Ausdrucksoffenbarungen, Neue-Musik-Simulationen, Stilprovokationen oder Kritik am „philharmonischen Schönklang“. (Die Berliner Philharmonie ist ein Altenheim – will ich ein Altenheim kritisieren?)
Technik ist nicht mein Steckenpferd, ich bin einfach in eine universelle technologische Revolution hineingeboren. Weil die Digitalisierung ein Massenphänomen ist, heißt für mich mit dieser Technologie zu komponieren, gesellschaftlich aufgeweckt und thematisch bezogen zu komponieren. Das „Anything“ ist kein Selbstzweck, sondern ein riesiges Repertoire, aus dem ich aus inhaltlichen Gründen wähle, ob die Klarinette in pianopianissimo-Septolen oder einen Drumloop – jedenfalls kann beides Neue Musik sein. Der Kunstcharakter liegt für mich nicht mehr definitorisch an der klanglichen Oberfläche und in der strukturellen Tiefe, sondern wesentlich in Konzepten und Semantiken.
Der konzeptuellere Ansatz zeitigt Polymedialität (oder umgekehrt zeitigt die Tatsache, dass Komponisten endlich eine freiere Medienwahl haben, Konzeptualität): Ich schreibe Konzertmusik ebenso wie ich Musiktheaterstücke inszeniere, mache Web-Filme und designe neue Instrumente. Kunstwerke, die einmalige Aktionen waren, gehen über in den Status ihrer Dokumentation.

Bevor ich anfange auch nur einen Ton zu schreiben oder eine Schallwelle zu programmieren, befindet sich auf meinem Computer beziehungsweise im Internet schon praktisch die gesamte Musikgeschichte als Klangdateien ebenso wie als Partituren. Also brauche ich vieles gar nicht mehr zu komponieren, was es bereits gibt und per Mausklick eingesetzt werden kann. Wozu an der Feder knabbern, wenn andere auf nützliche Lösungen gekommen sind? Häufig verwende ich Popmusik-Samples, vornehmlich von schlechter Popmusik – das Mediengeräusch, damit mache ich Geräuschmusik. Auch sonst suche ich die Welt gerne nach Vorlagen, „Präkompositionen“ ab, statt mir etwas aus den Fingern zu saugen. Das sind beispielsweise Statistiken, Baupläne, Politikerreden, et cetera. Ich lasse auch den Computer viel selber komponieren; je mehr ich damit arbeite, desto schöner finde ich die Ergebnisse. (Vielleicht liegt das daran, dass man bei Google, Facebook & Co so viel mit Algorithmen „kommuniziert“.) Überspitzt gesagt: Das Medium muss komponiert werden, wie das dann entfaltet wird, das ist die übliche musikalische Fantasie, die auch jeder Kirchenmusiker hat – oder von Algorithmen und Bestehendem ausgefüllt werden kann.
Das kann natürlich schlecht auf fünf Notenlinien mit Tinte geschrieben werden. Ich habe mir meine eigene Kompositions- und Notationssoftware COIT („calculated objects in time“) geschrieben, mit der ich von Hand oder per MIDI-Keyboard Notenobjekte platziere, algorithmisch Verläufe erstellen oder remixen lasse, sie grafisch darstellen kann, das ganze anhören kann (sowohl die elektronischen Anteile als auch die instrumentalen, dank einer riesigen, qualitativ hochwertigen Instrumentensamplebibliothek, „ePlayer“), ich also sehr viel experimentiere, und woraus am Ende eine spielbare Partitur in Fünfliniennotation generiert wird. Manche Arbeiten kann ich danach gleich ins Netz stellen und über mein Blog und Facebook bekannt machen; mein Blog hat täglich eine dreistellige Besucherzahl.

Die Ensemblekultur der Neuen Musik ist in die Jahre gekommen. Ohne zusätzliche Lautsprecherklänge empfinde ich die kleinen gemischten Instrumentalbesetzungen als einigermaßen schal geworden. Die Ensembles sollten, so wäre mein Wunsch, jetzt einen Klangregisseur samt Equipment als festes Mitglied zählen, die Musiker das Spielen von MIDI-Instrumenten ebenfalls beherrschen. Dokumentationsformen im Netz halte ich für eine segensreiche Ausweitung des Aufführungswesens.

Mit den neuen digitalen Freiheiten ist für mich die Grundkonzeption, das Setting, die Medienkonstellation die Schlüsselfrage. Frei nach Beuys sage ich mir: Zeige deine Medien!

Juni 2010