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Johannes Kreidler Komponist

Institutionen komponieren

Erschienen im Bad Blog of Musick der Neuen Musikzeitung.

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Vorschläge für neue Bedingungen der Neuen Musik

 

Wer als junger Komponist zu den Darmstädter Ferienkursen geht, um in den Wettbewerb für den karrierreträchtigen Kranichsteiner Musikpreis zu treten, ist in etwa diesen Bedingungen unterworfen: Das Stück darf nur wenige Instrumente benötigen, nicht lang sein und muss in sehr kurzer Zeit konzertreif einstudiert werden können.[1] Unlängst stellte der neu eingerichtete Opernkompositionswettbewerb des A•Devantgarde-Festivals die Vorbedingung, dass sich von der zu komponierenden Partitur ein Klavierauszug erstellen lassen müsse; als ob Mikrointervalle und Live-Elektronik noch nicht erfunden worden wären! Wenn ein Festivalkurator Kompositionsaufträge vergibt, will er mit vier bis sechs Aufträgen ein normales Konzert zeitlich ausgefüllt bekommen; zum Glück tummeln sich nicht allzu viele vom Schlage Anton Weberns auf dem Markt.

Vorgaben können ja inspirierend sein, aber sie sind bisweilen auch sehr dumm. Boykottiert die Kompositionswettbewerbe, die die Fantasie preiswinkend auf altertümliche Instrumentenbesetzungen eindampfen. Trotzt verlockenden Aussichten, wenn sie ästhetisch nicht gerechtfertigt sind. Selbst wenn es hundert Mal gespielt würde – lehnt Anfragen auf Flötensolostücke ab, wir haben genug davon. Genauso gibt es ja auch noch Tausende ungeschriebene Fugen, die aber keiner schreibt, weil sie irrelevant sind (Gott sei Dank erscheinen jetzt Komponierprogramme, die endgültig demonstrieren, dass Fugenschreiben keine Leistung mehr ist, und hoffentlich bald auch für die etablierten Stile der Neuen Musik). Ohne viel Übertreibung spricht man mittlerweile auch vom „Arditti-Sound“, den jedes (angeblich) neu für dieses stupende Ensemble komponierte Werk ereilt. Ohnehin – wer für Streichquartett schreibt, schreibt ab. Es hat etwas Oberflächliches an sich, aber trotzdem: Nach den vielen Ensemblegründungen seit den 1980ern und dem daraus entstandenen, sprichwörtlichen “Neue-Musik-Ensembleklang” ist einfach Tapetenwechsel nötig. Schreibt für Flöte und iPod, Keyboard und YouTube-Video. Es scheint gerade ein Zustand zu sein, wie wenn viele Leute mit extrem viel Energie lauter Melodien in C-Dur komponierten, statt ihre Fantasie mal auf’s Medium zu richten. Der Korrepetitor könnte auf einem Keyboard spielen, das auch Samples verfügbar hat; das wäre etwas mehr Aufwand an Technik, aber dafür eine große Ermunterung zu neuen musikalischen Ansätzen. (Überhaupt dürfte man langsam daran denken, einen Studiengang für „Tastenmodule“ einzurichten; das Klavier ist nach dem Cembalo noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Enno Poppe setzt bereits häufig statt des Klaviers ein Keyboard ein.)

Kreativität! Literarisches Schreiben kann man mittlerweile auch, wie Komposition, studieren. Jedoch wird am Leipziger Literaturinstitut nicht nur Grammatik gelehrt, sondern geht man zu Studienzwecken auch mal ins Bordell, ähnlich hat Rosa von Praunheim bis zu seinem Rausschmiss seine Regiestudenten mit der Kamera etwa ins Gefängnis gesteckt, damit sie die Erfahrung machten, einmal mit den radikal wenigen Mitteln einer kargen Zelle einen spannenden Film zu drehen. Freilich ist nicht jedes Seminar vorbildlich, bei dem Manager mit verbundenen Augen in den Wald zur Selbsterfahrung geschickt werden. Aber ein paar Abwege vom bloßen Handwerkstum wären doch lohnend und die sucht man bislang vergeblich. Um die Förderung von Kreativität jedenfalls scheint es in der Ausbildung von Komponisten am wenigsten zu gehen, sondern vor allem darum, wie man eine spielbare Partitur schreibt. Entsprechend sind die Festivalprogramme voll von fortgesetzter Tonsatz-Musik mit anderen Geldmitteln. Und „Originalität“ ist zwar ein philosophisch streitbarer Begriff, aber eine gewisse Unterscheidungslust, wie sie bei Gruppenausstellungen von Bildenden Künstlern zu beobachten ist, wäre in der Neuen Musik doch allmählich wünschenswert.

Es gibt Elektronische Musik, die nach Weltraum klingt und die, die jeder zu Hause hat und aus der Popmusik, Werbung, Rauschen dringt. Diese Hörerfahrung kann man auch für Neue Musik verwenden. Dann ist die Musik real “verlinkt” und entspricht den Bedingungen der Lebenswelt. Ähnlich ginge es mit Feldaufnahmen. So traurig das sein mag: Eine Oboe spielt im Alltag keine Rolle, aber es gäbe (Hör-)Wege, sie damit zu verbinden. Wie gesagt, manche elektronischen Klangerzeuger hat jeder, und dafür wird auch kein Millionenstudio benötigt. Die Neue Musik definiert sich noch immer über klangliche Differenzierung und strukturelle Tiefe, dabei kann Niveau auch durch semantische Gehalte, Zuschreibungen, mediale Erweiterungen und stilistische Kontraste erreicht werden, und dann lässt sich auf einmal auch eine Rockband nutzen, aber bitte ja nicht auf einem gesonderten Festival-Parcours, sondern im Konzertsaal.

Wer in der schnelllebigen digitalen Welt publiziert, braucht klare Konzepte, wenigstens zum Anlocken. Und das ist gut! Man denke an die häufigen Plattheiten in den Anfangstakten bei Beethoven. Ich plädiere für Sachlichkeit und gegen Pathos und Mythenmuff. Muss ein Musikstück “Sub-Kontur” heißen? Auch das Schielen nach den alten Griechen sieht verdächtig nach Verklärung aus. “Differenz/Wiederholung” dagegen ist sehr präzise und gewiss nicht flach.

Durch die Digitale Revolution geht die Musikindustrie den Bach hinunter, weil Musik kostenlos im Internet verbreitet werden kann. Aber was bedeutet das für jene Musik, die ökonomisch eh irrelevant ist, die Neue Musik? Die kann auch kostenlos verbreitet werden! Aufnahmen, Partituren, Texte, Filme - online damit! CD ist der absteigendste Ast überhaupt, und wer auf seiner Website nur Hinweise auf Publikationen in Fachzeitschriften von vor zehn Jahren anbringt, braucht nicht zu erwarten, dass sich einer die Mühe macht, dem auch noch nachzugehen. Die neuen Medien sind ein Segen für Kunst und Künstler. Damit kann man den oft einmaligen Aufführungen Neuer Musik wirksam Fortsetzung verschaffen. Leider steht da (noch) die Rechte-Frage im Weg; darum gilt es auch, anachronistische Handhaben der GEMA zu hinterfragen. Wenn die Tantiemen nun mal lächerlich gering sind, ist die Möglichkeit einer besseren Verbreitung doch der Monetarisierung vorzuziehen. Und wozu ist ein Verlag gut, wenn er nichts anderes macht als die vom Komponisten vollständig hergestellte Partitur einfach noch auszudrucken (wie bei Robin Hoffmann geschehen), aber dafür die Verbreitung sehr verteuert? Ich bin für die „Edition Pdf“ statt der „Edition Peters“. Werke mit Elektronik sind bei Verlagen übrigens schon gar nicht beliebt.

All das sind Beispiele dafür, dass die Rahmenbedingungen mitunter mehr in die Fragen nach gegenwärtigem Komponieren dringen, als allgemeinhin bewusst ist. Manche Musik wird praktisch nicht mehr von Komponisten komponiert, sondern von Institutionen, obwohl immer noch die Komponisten als künstlerisch verantwortlich zeichnen. Die meisten Einrichtungen der Neuen Musik sind wichtig, aber es gilt einmal ins Auge zu fassen, dass oftgeforderte neue Ideen gerade bei ihnen verhindert werden. Je weniger sie sich fortbewegen, desto mehr kristallisiert sich heraus, dass sie selbst das entscheidende Konzept komponieren, aber sie sind keine Komponisten.



[1] Das hat sich mittlerweile geändert.

 

Johannes Kreidler, Juni 2009