Institutionen komponieren
Erschienen im Bad
Blog of Musick der Neuen Musikzeitung.
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Vorschläge für neue Bedingungen der Neuen Musik
Wer als junger Komponist zu den Darmstädter
Ferienkursen geht, um in
den Wettbewerb für den karrierreträchtigen Kranichsteiner
Musikpreis zu treten,
ist in etwa diesen Bedingungen unterworfen: Das Stück darf nur
wenige
Instrumente benötigen, nicht lang sein und muss in sehr kurzer
Zeit konzertreif
einstudiert werden können.
Unlängst stellte der neu eingerichtete Opernkompositionswettbewerb
des
A•Devantgarde-Festivals die Vorbedingung, dass sich von der zu
komponierenden
Partitur ein Klavierauszug erstellen lassen müsse; als ob
Mikrointervalle und
Live-Elektronik noch nicht erfunden worden wären! Wenn ein
Festivalkurator
Kompositionsaufträge vergibt, will er mit vier bis sechs
Aufträgen ein normales
Konzert zeitlich ausgefüllt bekommen; zum Glück tummeln sich
nicht allzu viele
vom Schlage Anton Weberns auf dem Markt.
Vorgaben
können ja inspirierend sein, aber sie sind bisweilen auch sehr
dumm.
Boykottiert die Kompositionswettbewerbe, die die Fantasie preiswinkend
auf
altertümliche Instrumentenbesetzungen eindampfen. Trotzt
verlockenden
Aussichten, wenn sie ästhetisch nicht gerechtfertigt sind. Selbst
wenn es
hundert Mal gespielt würde – lehnt Anfragen auf
Flötensolostücke ab, wir haben
genug davon. Genauso gibt es ja auch noch Tausende ungeschriebene
Fugen, die
aber keiner schreibt, weil sie irrelevant sind (Gott sei Dank
erscheinen jetzt
Komponierprogramme, die endgültig demonstrieren, dass
Fugenschreiben keine
Leistung mehr ist, und hoffentlich bald auch für die etablierten
Stile der
Neuen Musik). Ohne viel Übertreibung spricht man mittlerweile auch
vom
„Arditti-Sound“, den jedes (angeblich) neu für dieses stupende
Ensemble
komponierte Werk ereilt. Ohnehin – wer für Streichquartett
schreibt, schreibt
ab. Es hat etwas Oberflächliches an sich, aber trotzdem: Nach den
vielen
Ensemblegründungen seit den 1980ern und dem daraus entstandenen,
sprichwörtlichen “Neue-Musik-Ensembleklang” ist einfach
Tapetenwechsel nötig.
Schreibt für Flöte und iPod, Keyboard und YouTube-Video. Es
scheint gerade ein
Zustand zu sein, wie wenn viele Leute mit extrem viel Energie lauter
Melodien
in C-Dur komponierten, statt ihre Fantasie mal auf’s Medium zu richten.
Der
Korrepetitor könnte auf einem Keyboard spielen, das auch Samples
verfügbar hat;
das wäre etwas mehr Aufwand an Technik, aber dafür eine
große Ermunterung zu
neuen musikalischen Ansätzen. (Überhaupt dürfte man
langsam daran denken, einen
Studiengang für „Tastenmodule“ einzurichten; das Klavier ist nach
dem Cembalo
noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Enno Poppe setzt bereits
häufig statt
des Klaviers ein Keyboard ein.)
Kreativität! Literarisches Schreiben kann man
mittlerweile auch, wie Komposition, studieren. Jedoch wird am Leipziger
Literaturinstitut nicht nur Grammatik gelehrt, sondern geht man zu
Studienzwecken
auch mal ins Bordell, ähnlich hat Rosa von Praunheim bis zu seinem
Rausschmiss
seine Regiestudenten mit der Kamera etwa ins Gefängnis gesteckt,
damit sie die
Erfahrung machten, einmal mit den radikal wenigen Mitteln einer kargen
Zelle
einen spannenden Film zu drehen. Freilich ist nicht jedes Seminar
vorbildlich,
bei dem Manager mit verbundenen Augen in den Wald zur Selbsterfahrung
geschickt
werden. Aber ein paar Abwege vom bloßen Handwerkstum wären
doch lohnend und die
sucht man bislang vergeblich. Um die Förderung von
Kreativität jedenfalls
scheint es in der Ausbildung von Komponisten am wenigsten zu gehen,
sondern vor
allem darum, wie man eine spielbare Partitur schreibt. Entsprechend
sind die
Festivalprogramme voll von fortgesetzter Tonsatz-Musik mit anderen
Geldmitteln.
Und „Originalität“ ist zwar ein philosophisch streitbarer Begriff,
aber eine
gewisse Unterscheidungslust, wie sie bei Gruppenausstellungen von
Bildenden
Künstlern zu beobachten ist, wäre in der Neuen Musik doch
allmählich
wünschenswert.
Es gibt Elektronische Musik, die nach
Weltraum klingt und die, die jeder zu Hause hat und aus der Popmusik,
Werbung,
Rauschen dringt. Diese Hörerfahrung kann man auch für Neue
Musik verwenden.
Dann ist die Musik real “verlinkt” und entspricht den Bedingungen der
Lebenswelt. Ähnlich ginge es mit Feldaufnahmen. So traurig das
sein mag: Eine
Oboe spielt im Alltag keine Rolle, aber es gäbe (Hör-)Wege,
sie damit zu
verbinden. Wie gesagt, manche elektronischen Klangerzeuger hat jeder,
und dafür
wird auch kein Millionenstudio benötigt. Die Neue Musik definiert
sich noch
immer über klangliche Differenzierung und strukturelle Tiefe,
dabei kann Niveau
auch durch semantische Gehalte, Zuschreibungen, mediale Erweiterungen
und
stilistische Kontraste erreicht werden, und dann lässt sich auf
einmal auch
eine Rockband nutzen, aber bitte ja nicht auf einem gesonderten
Festival-Parcours, sondern im Konzertsaal.
Wer in der
schnelllebigen digitalen Welt publiziert, braucht klare Konzepte,
wenigstens
zum Anlocken. Und das ist gut! Man denke an die häufigen
Plattheiten in den
Anfangstakten bei Beethoven. Ich plädiere für Sachlichkeit
und gegen Pathos und
Mythenmuff. Muss ein Musikstück “Sub-Kontur” heißen? Auch
das Schielen nach den
alten Griechen sieht verdächtig nach Verklärung aus.
“Differenz/Wiederholung”
dagegen ist sehr präzise und gewiss nicht flach.
Durch die Digitale Revolution geht die
Musikindustrie den Bach hinunter, weil Musik kostenlos im Internet
verbreitet
werden kann. Aber was bedeutet das für jene Musik, die
ökonomisch eh irrelevant
ist, die Neue Musik? Die kann auch kostenlos verbreitet werden!
Aufnahmen,
Partituren, Texte, Filme - online damit! CD ist der
absteigendste Ast überhaupt, und wer auf seiner Website nur
Hinweise auf
Publikationen in Fachzeitschriften von vor zehn Jahren anbringt,
braucht nicht
zu erwarten, dass sich einer die Mühe macht, dem auch noch
nachzugehen. Die
neuen Medien sind ein Segen für Kunst und Künstler. Damit
kann man den oft
einmaligen Aufführungen Neuer Musik wirksam Fortsetzung
verschaffen. Leider
steht da (noch) die Rechte-Frage im Weg; darum gilt es auch,
anachronistische
Handhaben der GEMA zu hinterfragen. Wenn die Tantiemen nun mal
lächerlich
gering sind, ist die Möglichkeit einer besseren Verbreitung doch
der
Monetarisierung vorzuziehen. Und wozu ist ein Verlag gut, wenn er
nichts
anderes macht als die vom Komponisten vollständig hergestellte
Partitur einfach
noch auszudrucken (wie bei Robin Hoffmann geschehen), aber dafür
die
Verbreitung sehr verteuert? Ich bin für die „Edition Pdf“ statt
der „Edition
Peters“. Werke mit Elektronik sind bei Verlagen übrigens schon gar
nicht
beliebt.
All das sind Beispiele dafür, dass
die
Rahmenbedingungen mitunter mehr in die Fragen nach gegenwärtigem
Komponieren
dringen, als allgemeinhin bewusst ist. Manche Musik wird praktisch
nicht mehr
von Komponisten komponiert, sondern von Institutionen, obwohl immer
noch die
Komponisten als künstlerisch verantwortlich zeichnen. Die meisten
Einrichtungen
der Neuen Musik sind wichtig, aber es gilt einmal ins Auge zu fassen,
dass
oftgeforderte neue Ideen gerade bei ihnen verhindert werden. Je weniger
sie
sich fortbewegen, desto mehr kristallisiert sich heraus, dass sie
selbst das
entscheidende Konzept komponieren, aber sie sind keine Komponisten.
Johannes Kreidler, Juni 2009