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Johannes Kreidler Komponist

Interview zu "Feeds. Hören TV"

Erschienen in: Programmheft zu "Feeds. Hören TV" (September 2010)

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FEEDS.HÖREN TV - Wie kam es zu dem Titel?

Wir füttern das Publikum mit Informationen über das Hören - in Form einer TV-Show.

Sie inszenieren als Komponist das Musiktheater als Talkshow. Ein Widerspruch in sich?

Musik alleine gibt es für mich nicht. Als Mensch habe ich nun mal verschiedene Sinnesorgane, und Musik steht immer in Zusammenhängen, in kulturellen, politischen, gesellschaftlichen, technologischen und persönlichen. Da entstehen natürlich auch Widersprüche, was gerade ästhetisch interessant ist. Darum beantworte ich die Frage mit ja - eben darum mache ich es! Was die Talkshow-Form angeht: Es muss im Musiktheater ja nicht ununterbrochen Musik laufen. Ich finde gerade den Wechsel und die Diskrepanz verschiedener Wahrnehmungsweisen interessant. Das loten wir in „Feeds" aus.

„Hören ist Arbeit" - mit dieser Aufforderung starten Sie den Abend. Welche Felder werden beackert?

Wir drehen im Laufe des Abends fünf Sendungen, „Akte", jeweils zu einem Thema: 1. Abhören / 2. Klang und das Unbewusste / 3. Liebe, Sex und Technik / 4. Musikentwertung / 5. Neues Musiktheater. Der Arbeitsbegriff in meinem Stück ist ein emphatischer; Arbeit und Vergnügen bedingen einander.

Gängigerweise stellen Komponisten des Musiktheaters ihre Arbeit fertig und dann wird sie auf der Bühne von anderen inszeniert, interpretiert, dargestellt. Sie, der Komponist, stehen als Talkmaster selbst am Abend auf der Bühne. Warum?

Meines Wissens hat es das noch nie gegeben, dass der Komponist den ganzen Abend seine Arbeit theatralisch vertritt, und es geht mir immer darum, Neues zu machen. Der Autorenfilm, also die Personalunion des Filmschaffenden in einem üblicherweise sehr arbeitsteiligen Metier, dürfte auch im Musiktheater einmal umgesetzt werden. Und tatsächlich ist ein Anliegen von mir die Authentizität (auch wenn dieses Wort etwas verpönt ist). Ich bin für die Inhalte verantwortlich, also stehe ich für sie ein. Einen ganz pragmatischen Aspekt hat es aber auch - die Rolle muss nicht von einem Schauspieler einstudiert werden.

FEEDS ist Ihr erstes Musiktheaterwerk. Was sind für Sie die besonderen Möglichkeiten dieser Form?

Ich habe in den letzten Jahren Stücke für den Konzertsaal geschrieben, bei denen notwendig wurde, dass man das zugrundeliegende Konzept dem Publikum mitteilt. Dafür, erwies sich die Moderationsform als geeignet. „Feeds" ist die konsequente Fortsetzung davon, eine ganze Show. Und da können natürlich noch weitere Mittel einbezogen werden: Video, Talk, Tanz, Performance. Grundsätzlich ist die Chance hier, die Musik zu erweitern und einzuschränken. Meistens ist es ja beides: Durch zusätzliche Medien erhält die Musik eine besondere Bedeutung, andere Möglichkeiten werden aber gleichsam ausgesperrt. In „Feeds" wird aber genau das gezeigt, die Chancen und Probleme der Fokussierung, Umstände, die uns das tägliche Leben begleiten. Nicht umsonst sind darum solche abstrakten Wahrnehmungsfragen an ganz konkrete Themen geknüpft.

Entgegen der weitläufigen Tendenz in der Oper, ewige Themen auf der Bühne und im Graben zu verhandeln, machen Sie auch vor der Tagespolitik nicht Halt. Was interessiert Sie daran auf der Bühne?

Die „ewigen" Themen haben Shakespeare und ein paar andere zur Genüge abgehandelt. Mir ist es um aktuelle Relevanz zu tun. Einerseits wird das zwar von der Kunst oft gewünscht, andererseits höre ich aber auch oft sagen, die Freiheit der Kunst habe sich den Niederungen der Tagespolitik zu enthalten. Letzteres Tabu soll unbedingt gebrochen werden! Und wenn wir nun mal in einem parteiendemokratischen Theater leben, kommen auch bestimmte Parteien auf die Bühne. Das ist keine Agitationspropaganda, jeder muss sich selber eine Wahrheit zwischen den Zeilen suchen, aber ein Stück Demokratie-Expressivität soll geschaffen werden. Was ich daran auch interessant finde: Wollte man das Stück in einem Jahr wieder spielen, müsste man es verändern - hoffentlich!

Für einen Komponisten haben Sie ein ungewöhnliches Verhältnis zur Werktreue. Gibt es die für sie überhaupt?

Ich arbeite kompositorisch seit Jahren mit vorgefundenem Material. Es erscheint mir weitaus kreativer, mit Bestehendem zu arbeiten, sprich: sich mit der Welt auseinanderzusetzen, als sich etwas vermeintlich Ureigenes aus den Fingern zu saugen. Die Remix-Kultur erlebt nun, seit dem Internet, eine neue Qualität, da Millionen Musikstücke, Videos und Texte per Klick verfügbar und veränderbar sind. Das ist die technologische Situation, in der ich mich befinde und komponiere. Das heißt also, dass ich das Bestehende verändern will - frei nach Marx: Die Musik wird immer nur verschieden interpretiert, es käme aber darauf an, sie zu verändern! Wofür sollte man 2010 den Jägerchor getreu aufführen? Es hat sich allein in den letzten zehn Jahren die Welt so stark verändert, und die Kunst sollte helfen, diese Welt kompetent wahrzunehmen. In „Feeds" nehme ich mir in diesem Sinne „Tristan und Isolde" vor. Was im Regietheater schon lange exerziert wird, die radikale Aktualisierung alter Werke, ist seltsamerweise an der Musik vorbeigegangen. Im Parsifal dürfen auf der Bühne Hasen verfaulen, aber die Musik bleibt ein Heiligtum - warum? Wenn es in „Feeds" um Liebe, Sex und Technik geht, wird das größte Liebespaar der Operngeschichte exemplarisch rekomponiert. Beispielsweise mimt Isolde nicht nur auf der Bühne die asiatische Prostituierte, sondern muss auch musikalisch mit allen ins Bett.

Sie verweisen in FEEDS immer wieder ganz konkret auf die Herkunft der Inhalte, Quellen und Mittel, die sie verwenden. Warum?

Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit ist die Recherche. Ich lese jeden Vormittag das halbe Internet durch. Diese Arbeitsweise soll in „Feeds" mitkommuniziert werden -wenn man so will: Die Quellenangabe wird mitgeliefert, das Bühnengeschehen wird „verlinkt".

September 2010