German
Johannes Kreidler Composer

piano piece #2 (2004)

for piano solo

Duration: 11'20"

fp: 19.12.2005 Tübingen, University; Ji-Hye Son, pno.

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Programme note

Die Serie der Klavierstücke behandelt spezifische Möglichkeiten des Klavierklanges und -spieles. Das können streng immanente sein (Klavierstück 1 und 2) wie auch externalisierte, wenn das Klavier als objektiviertes Medium mit elektronischer Klangverarbeitung konfrontiert wird (Klavierstück 3 - 5).

Das erste Klavierstück ist größtenteils zweistimmig geschrieben, d.h. für zwei Hände, wobei die zwei Stimmen sich ständig überkreuzen, überlagern oder exakt das selbe Tonmaterial teilen. Gleichzeitige und versetzte Pulse verstärken oder mindern hierbei die Wirkung von Mehrstimmigkeit. Später kommen Drei- und Vierstimmigkeit hinzu, jedoch immer wieder rückmoduliert zur Einstimmigkeit, die sich dann wiederum aufspreizen kann usw. All das ist unterstrichen durch eine harte, aber nicht energetisch werdende Dynamik: Sempre forte.

Im Klavierstück 2 findet über die Dauer des gesamten Stückes (11’30“) eine Entwicklung statt von hauptsächlich rhythmisch geprägten Mustern hin zu melodisch bewegten Tonfolgen. Keines der beiden Stadien erscheint dabei in Reinform; als vermittelndes Medium ist der Wechsel zwischen Mehrstimmigkeit und Einstimmigkeit ständig eingearbeitet. Dies erscheint auf dem Klavier ambivalent: Durch seine homogene Klangfarbe und schnell verklingenden Töne kann Polyphonie leicht wieder zur Homophonie verschmelzen, und Teile können, eine Frage des Tempos, verbunden oder isoliert werden.

Formal stellt das Stück eine Überlagerung von offener und geschlossener Verlaufskonzeption dar. Der Prozess von rhythmischen zu melodischen Bewegungen ist nach vorne und hinten logisch nicht begrenzt. Das Tempo hingegen ist symmetrisch angelegt mit langen, allmählichen Beschleunigungen im vorderen und hinteren Teil, gruppiert um eine extreme Verlangsamung in der Mitte. Die Mehrdeutigkeiten, Überlagerungen und Entwicklungen sollen die Wahrnehmung sensibilisieren und die elementaren musikalischen Kategorien, hier speziell die des Klavierspiels, als dekonstruierte neu erfahrbar machen.
Als ‚Gegenstück’ zum ersten Klavierstück erklingt dieses sempre piano.

Johannes Kreidler, Juli 2006