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Johannes Kreidler Komponist

Browser (2007)

Film

Dauer: 7', stumm

 

Experimentalfilm, der auf Grundlage von "found footage" einen zweiten Filmrhythmus durch Video-Algorithmen erzeugt. Die gleiche Idee in Audio wurde bei "Kontinuum mit Melodie" verwirklicht.

Programmtext

„Browser“ ist ein Experimentalfilm, in dem die Wirkungen verschiedener visueller Stile in schneller und direkter Abfolge dargelegt werden und dabei grundsätzlich in Widerspruch zum gefilmten Inhalt gehen.

Die Arbeit ist inspiriert von den Filmen Ken Jacobs’ und Bob Ostertags Musikstück „sooner or later“, in dem die Audioaufnahme eines Jungen aus El Salvador, der gerade seinen von Nationalgarden erschossenen Vater begräbt, mit digitalen Klangbearbeitungstechniken extrem verfremdet wird. Der Widerspruch zwischen der aufwühlenden Rede des Jungen und den darauf gelegten abstrakten Effekten hat mich gereizt, dies filmisch anzuwenden.

In meinem Film verwende ich hierzu found footage: Ausschnitte aus farbigen Aufnahmen des zerbombten Berlin kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, aus einem Dokumentarfilm über die Berliner Mauer und aus dem Spielfilm „Notorious“ von Alfred Hitchcock. Darauf sind Algorithmen angewendet, die die vorhandenen Bilder z.T. extrem verändern. Klar tritt die Diskrepanz zwischen der Vorlage, historische Filmaufnahmen, und der heutigen digitalen Technik zu Tage, obwohl gleichsam immer wieder alte visuelle Charakteristika wie schwarz/weiß, Flimmern, Schmutz etc. „gefaked“ werden und scheinbar zum Inhalt passen, jedoch immer nur für einen kurzen Moment, bis hart geschnitten der nächste Algorithmus an die Stelle tritt.

Formal ist in dem Film eine Mischung aus Reihung und Wiederholung erstellt. Anfangs kommen ca. 4 Minuten lang Aufnahmen von Berlin 1945, auf die im Abstand von durchschnittlich 5 Sekunden verschiedene Effekte gelegt sind, ohne dass sich ein Effekt je wiederholt. Danach folgen Aufnahmen der Berliner Mauer, und die vorige Sequenz von Effekten wird dafür wiederholt, allerdings dann abgekürzt; stattdessen endet der Film mit einem Schuss-Gegenschuss-Dialog aus „Notorious“, wobei teils mit, teils gegen die Schnitte im Film wiederum bestimmte Effekte angewendet sind, nun mit Wiederholungen und Variationen; dabei soll etwas genauer eine künstliche Inhaltlichkeit suggeriert werden, die aber freilich nur der Betrachter imaginiert – schließlich ist der Film ja stumm und man erfährt nicht, worüber die zwei sich wirklich unterhalten.

Johannes Kreidler, Juli 2007