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Johannes Kreidler Komponist

Arbeitsmarktplatz Esslingen. Musik für alle, Vermittlung vermittelt. Tragödie des Hörens, erste Roboterdemonstration. (2010)

Happening für Kinder und Jugendliche, 5 Sänger und 100 Roboter

Dauer: 50'

 

 

Happening im Rahmen des Festivals für Vermittlungsprojekte "Zukunftsmusik", aufgeführt am 2.10.2010.

Konzeption und Komposition: Johannes Kreidler
Regie: Solvejg Bauer
Mit den Stage Divers(e), Schülern der Musikschule Esslingen, diversen Esslinger Musikern, Mitgliedern des SWR Vokalensembles und 100 Robotern.
Dramaturgie: Sabine Brandes und Patrick Hahn
Intendanz: Christine Fischer

Interview mit Patrick Hahn zu dem Stück:

In der Musikwelt genügt hin und wieder ein einziges Konzert, um einen Komponisten oder Interpreten schlagartig weithin bekannt zu machen. Auch im Leben von Johannes Kreidler gab es ein solches „Konzert“. Es fand mithilfe eines Kleinlasters in München vor der Geschäftsstelle der GEMA statt und bestand darin, dass er – gemeinsam mit prominenten Kistenschleppern – die umfassendste GEMA-Meldung aller Zeiten einreichte: Für ein Musikstück, in dem er innerhalb von 33 Sekunden 70.200 Fremdzitate verwendete. Mit dieser spektakulären Aktion hievte er die Urheberrechtsproblematik und das Kopieren als avancierte Kulturtechnik in den Fokus der ästhetischen Diskussion. Lange vor Helene Hegemann.

PH: Johannes, wo sind wir hier?

JK: Am Arbeitsmarktplatz Esslingen. Wie Marx schon sagte, ist natürlich alles eine Marktsituation. Auch die Arbeitswelt ist eigentlich ein Marktplatz.

PH: Und wie unterscheidet sich der Wochenmarktplatz vom Arbeitsmarktplatz?

JK: Der Arbeitsmarktplatz ist abstrakter strukturiert.

PH: Aber diese Abstraktheit wird in Deiner Komposition für Esslingen in eine Konkretheit überführt – und nimmt noch dazu auf eine tatsächliche stadthistorische Begebenheit Bezug.

JK: Ja, der Umstand, dass in Esslingen das erste Arbeitsamt – heute sagt man Job-Center – in Deutschland gegründet worden ist, war der Ausgangspunkt. Allerdings besteht das historische Arbeitsamt nicht mehr und das jetzige Job-Center ist leider außerhalb der Innenstadt. Daher gehen wir mit meinem Stück nun doch, ganz im Marx’schen Sinne, direkt zum Marktplatz.

PH: Wie wirst Du in Deiner Performance auf die Arbeitsmarktsituation eingehen?

JK: Ich möchte verschiedene Aspekte von ökonomischer Arbeit musikalisch performativ darstellen, dabei geht es mir um unlösbare Probleme. Um das Paradox, dass es einerseits Arbeitslosigkeit gibt, andererseits Arbeitsstellen nicht besetzt werden können. Auf die eine Arbeitsstelle gibt es gar nicht genug Bewerber, für eine andere Arbeitsstelle gibt es zu viele. Solche Widersprüche möchte ich szenisch-musikalisch darstellen.

PH: Wie macht man das?

JK: Mit einer Symbolisierung. Bei dem genannten Beispiel haben wir auf der einen Seite viele Schlaginstrumente und nur zwei Schlagzeuger, die nach bestimmten kompositorischen Anweisungen von mir agieren. Sie sollen eigentlich, was unmöglich ist, das gesamte Instrumentarium bespielen – und entsprechend überfordert sind diese beiden Performer. Auf der anderen Seite ist zum Beispiel ein Klavier, auf dem zugleich zehn Pianisten spielen sollen. Das symbolisiert, dass es auf eine Arbeitsstelle 100 Bewerber gibt, und dass das viel zu viel ist.

PH: Konzeptuell lässt sich die genannte Symbolisierung ja schnell erfassen. Welche Rolle spielt denn dann das ästhetische Ereignis selbst?

JK: Ich glaube daran, dass Kunst die Aufgabe hat zu ästhetisieren, also im ursprünglichen Sinn des Wortes wahrnehmbar zu machen. Gewisse Aspekte werden in unserer Welt viel zu wenig benannt. Zum Beispiel versprechen Politiker immer noch Vollbeschäftigung, obwohl das – nicht nur meines Erachtens – illusionär ist. Das wird nicht mehr erreicht werden, dass wirklich alle in Lohn und Brot stehen, auch weil Maschinen dem Menschen immer mehr Arbeit abnehmen werden. Vielleicht hat es etwas Pädagogisches, doch ist es grundsätzlich wichtig, dass man so etwas darstellt. Man darf nicht vergessen, dass es sich hier um ein Vermittlungsprojekt handelt, mit Laienspielern und auch mit Laienhörern. Deshalb scheue ich eine gewisse Einfachheit und Deutlichkeit nicht. Man muss als Komponist das richtige Timing finden, und mein Ansatz ist, dass ich eben viele verschiedene solcher kleinen Konzepte habe, die dann auch in der Menge ästhetisch interessant sind. Es gibt auch noch ein Vokalstück, das dann auch von professionellen Sängern gesungen wird – als gewisse Kompensation zu den davor sehr konzeptuellen Stücken gibt es auch noch etwas Durchkomponiertes.

Auch das zweite „Konzert“, bei dem der Komponist Kreidler nachhaltig auf sich aufmerksam machte, ließ nicht lang auf sich warten. Mit seiner Charts Music, die auf den Börsenkursen amerikanischer Unternehmen basiert, komponierte er mithilfe der Windows-Musiksoftware Songsmith einen subversiven Kommentar über die Zusammenhänge zwischen Krise und Krieg. Der Clip wurde ein Hit bei youtube und junge Menschen antworten auf die Frage, welche zeitgenössischen Komponisten sie kennen, erstmals: Karlheinz Stockhausen und Johannes Kreidler.

PH: Vor welche Herausforderung stellt Dich denn diese Arbeit mit Laien? Im zeitgenössischen Theater ist es ja durchaus gang und gäbe, dass Menschen in ihrer „natürlichen Tätigkeit“, also nicht als hoch spezialisierte Musiker, sondern als hoch spezialisierte Krankenschwestern, Bahnschrankenwärter oder dergleichen auftreten. Was beziehst Du aus der Wirklichkeit dieser Menschen mit ein und vor welche Schwierigkeiten stellt Dich die Konfrontation mit ihnen?

JK: Eine Schwierigkeit bei der Arbeit mit Laien ist, dass es „den Laien“ nicht gibt. Beim Experten ist klar, dass er eine Spezialisierung hat, während Laien ganz verschiedene Dinge können – zum Beispiel auch Musizieren. Die Niveaus sind allerdings ganz verschieden. Das ist eine kompositorische Schwierigkeit. Einerseits komponiert man, sozusagen entgegenkommend, ganz leichte Sachen, dann können es viele aufführen, andere sind allerdings so weit fortgeschritten, dass sie sich dabei schon wieder langweilen. Es ist sehr schwierig, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Grundsätzlich ist die Arbeit mit den so genannten Laien in diesem Projekt insofern relevant, als sie an den Themen, die in Arbeitsmarktplatz Esslingen verhandelt werden, natürlich nahe dran sind. Auch die Jugendlichen, mit denen ich arbeite, werden schon mit diesen Realitäten konfrontiert: Was willst Du später mal arbeiten? Gerade weil sie nicht alle professionelle Musiker werden, wo die Situation nochmals anders aussieht. Das war in den Proben sehr spannend zu sehen, als wir beispielsweise ein Stück gemacht haben, in dem es um Arbeitszeiten ging. Sie wussten gleich, worum es geht, denn zumindest der Vater, der hat diesen Rhythmus und sie selber haben bereits ihren Schulrhythmus. Obwohl es konzeptuell sehr einfach war, dockt man an komplexe Vorgänge an, die sofort verstanden werden. Ich möchte an Erfahrungen anknüpfen und ich glaube, dass hier tatsächlich, um ein Wort zu verwenden, das etwas verpönt ist, etwas Authentisches entsteht. Mit professionellen Musikern hätte das Ergebnis einen ganz anderen Charakter.

Konzert Nr. 3: Johannes Kreidler beauftragt einen Komponisten aus China und einen Audioprogrammierer aus Indien, um „typische Exemplare seiner eigenen Musik billig produzieren zu lassen.“ Ausgangspunkt war ein Kompositionsauftrag, bei dem ein neues Musikwerk des Künstlers gespielt werden soll. Im Internet hat Kreidler Komponisten aus „Billiglohnländern“ ausfindig gemacht, von denen er sich nach den Vorgaben des Festivals mehrere Musikstücke hat schreiben lassen, die seinen eigenen Musikstil plagiieren. Die Produktionskosten für das Auftragswerk liegen wesentlich unter dem Honorarbetrag, den er selbst einstreicht. Eine bissige Aktion, in der Outsourcing und die weltweit unterschiedlichen Löhne provokant zum Klingen kommen. Die fertigen Stücke hat Kreidler seinen „Fremdarbeitern“ abgekauft, so dass das gesamte Werk rechtlich allein ihm gehört und durch die GEMA weiterverwertet wird.

PH: Nicht nur authentische Menschen wirken am Ereignis mit, auch Roboter demonstrieren. Was kann ich mir darunter vorstellen?

JK: Die Roboter übernehmen die menschliche Arbeit – mit der Ironie, dass sie nicht nur die Arbeit übernehmen, sondern auch den Arbeitskampf. Die Roboter demonstrieren – wie Menschen – für bessere Löhne, für mehr Freizeit und Rentengarantien. Durch diese Zuspitzung wird die Maschine wiederum ganz menschlich. Die Frage, wohin es führt, wenn Maschinen, woran ich fest glaube, in Zukunft immer mehr Arbeit übernehmen, steht dahinter. Eine echte Zukunftsfrage – gerade wenn es um Zukunftsmusik geht.

PH: Zu einer Demonstration gehört natürlich auch ein Polizeichor...

JK: ... der einerseits die Roboter beschützt und andererseits in den Konflikt gerät, einer „arbeitsplatzfeindlichen“ Gruppe gegenüberzustehen. Ich möchte da versuchen, einen Widerspruch darzustellen, auf den es gegenwärtig überhaupt keine Antwort gibt – ich kann nur versuchen, ihn möglichst stark zuzuspitzen.

PH: Bei solchen Performances stehst Du gern in vorderster Reihe und überlässt es nicht nur Interpreten, den Zeremonienmeister zu spielen. Welche Rolle spielt es für Dich, dass Du selbst Teil der Aufführung bist? Eine Form von Arbeitsplatzsicherung?

JK: Meinetwegen auch das, tatsächlich. Der ökonomische Aspekt wird auch mit dargestellt: Ich kriege Geld und dann zeige ich auch, dass ich daran arbeite. Sonst ist der Komponist immer im Hintergrund und niemand erfährt, was da noch passiert. Deshalb stehe ich da mit Haut und Haar, und auch hierin liegt etwas Authentisches. Ich identifiziere mich mit meiner Arbeit und bringe diese Energie mit ein, das ist wiederum gerade bei der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen wichtig. Man muss sie auch motivieren – ein Aspekt, der bei diesem Festival im Hintergrund wirksam ist, und so soll er auch bei mir im Vordergrund stehen. Ich bin ausgebildeter Komponist, habe mein Werk fabriziert und damit soll ein Kontakt hergestellt werden. Genau diesen Kontakt führen wir auf. Als Vermittler stehe ich in der Mitte und gebe die Einsätze, dann schauen wir mal, ob Ihr mitmacht. So wollen wir es versuchen und vielleicht hat es noch immer einen experimentellen Charakter, wenn wir das Stück aufführen.

PH: Du bist ja auch Esslinger. Hat dieses Stück eine autobiografische Komponente?

JK: Ich habe mich mit diesem Projekt speziell bei der Stadt Esslingen beworben, weil ich in Esslingen geboren bin. Ich bin zwar nicht direkt in Esslingen aufgewachsen, aber ich kenne zumindest die Innenstadt einigermaßen und die Mentalität gewiss. Das war für mich eine gute Arbeitsgrundlage.

PH: Kann man Dich auch irgendwann durch einen Roboter ersetzen?

JK: Hoffentlich. Ich möchte spätestens mit 60 in den Ruhestand gehen. Es gibt Komponisten, bei denen irgendwann der Schließmuskel nicht mehr funkioniert und sie’s gar nicht mehr halten können – da wäre mein Wunsch, dass ich mit 60 guten Gewissens einmal eine Weltreise durchführen und ohne peinliches Alterswerk einen schönen Lebensabend verbringen kann.

PH: Ja, das ist die Zukunft.