
Satire
Jörg Widmann hat sein jüngstes, in Donaueschingen uraufgeführtes Orchesterstück mit Implosion betitelt. Unter einer Implosion versteht man landläufig das schlagartige, plötzliche Eindrücken eines Gefäßes mit niedrigerem Innen- als Außendruck. Soweit die Allgemeinbildung; Widmann hingegen salbadert in seinem zugehörigen Programmtext bekennend kenntnisfrei: „Ein Stück über Impulsfolgen, Druckwellen, das Sich-Fortpflanzen eines Virus. Fast alle Mikrostrukturen laufen nach Innen. Innen ist bei meinem Orchesteraufbau eine Mittelachse, die Energiezentrum, Spaltpilz und Sammelbecken alles Implodierenden in einem ist“. Klaro, der Titel war ja nur als Metapher gedacht, aber wahrscheinlich ist gedacht hier auch die falsche Vokabel, Widmann ist einer, „der fühlt“, und das ist ja wichtig und außerdem damit basta – schließlich ist reichlich Legitimation spendendes Klientel vorhanden. Dass er sich bei den Techniken der BILD-Zeitung und anderer Diktaturen bedient, weiß er halt nicht. Denn Widmann bricht radikal mit einer langwährenden Tradition in der Praxis des Komponierens – dem Reflektieren. Und um einen verbreiteten Irrtum aus der Welt zu schaffen: Seine Musik hat auch bestimmt mit Ironie oder zynischem Kalkül nichts am Hut, denn irgendwo würde diese Form der Weltsicht dann ja doch durchscheinen, nein, sein ästhetisches Programm und das Hörvermögen, worauf er in der Rezeption spekuliert, heißt einzig und allein: Naivität.
Einer seiner Sätze, die er für eventuelle Fragen bezüglich irgendetwas in seiner Musik im Petto vorbereitet hält, ist: „Kommunikation wird doch dann gerade erst interessant, wenn einer in einer Talk-Show auf eine Frage einfach nicht antwortet.“ Dabei grinst er, der Bubi, wie es verschmitzter nur noch Joschka Fischer bedacht ist. Und eben zitiertes setzt er musikalisch allen Ernstes um: Das Cello in seinem -Konzert, unablässig fragende Gesten äußernd, sieht sich einem monströs schweigenden Orchester gegenüber, das später dann, wer hätte das nicht erwartet, nachdem der Cellist schon aufgegeben hat, (allerdings überhaupt nicht der Logik des Materials nach, nö, da gibt’s dann halt ein morendo und die Sache ist also gestorben) mit einem ach wie schmerzhaft-dissonanten Akkord draufhält. Und so einer behauptet dann auch noch, er hege Bewunderung für Lachenmann. Daß jener konträr dazu in Kenntnis von Materialbeschaffenheit, musikalischer Logik und 250 Jahre Aufklärung steht, muß Workaholic Widmann über soviel Arbeit wohl knapp verpasst haben. Nur schade, dass der Zug jetzt leider abgefahren ist. Es genügt eben nicht nur, nichts zu sagen zu haben, nein, man muß auch noch fähig dazu sein, es nicht ausdrücken zu können; in diesem Sinne lässt er uns weiter wissen: „Mindestens genauso sehr wie der Implosionsprozess selbst interessiert mich der Endpunkt dieser Entwicklung: Zertrümmerung, Verheerung, Nichts; Asche. Und doch lag beim Komponieren plötzlich ein mir selbst fremder Gesang über den Trümmern. Weit weg, noch irreal, aber von ferner Schönheit kündend.“ Da weiß man kaum, wo anfangen, falls überhaupt nicht vielleicht Hopfen und Malz (an die Musiker, die das spielen müssen) verloren sind.
Wenn er schon die dramaturgische Anlage wählt, die dem Interesse am tragischen Zusammenbruch (darf man nach der Menschheitserfahrung zweier Weltkriege eine derart unreflektierte Untergangsästhetik eigentlich noch vertreten?) einen neuen, schönheitsverheißenden Gesang folgen lassen soll (durch Nacht zum Licht, die Götter erbarmen sich unser, nicht gerade neu, aber, na gut), dann könnte er dies doch gleich, da ihm an ästhetischer Reflexion und geschichtlicher Substanzialität ja sowieso nicht gelegen ist, von einem Chor sphärisch raunen lassen, oder nicht? Was hat diese räumliche Orchesteraufstellung denn für einen Sinn, wenn sie jedem Hörer, der hinter der fünften Reihe Platz genommen hat (z.B. mangels der erforderlichen Piepen für die vorderen Bänke), nicht im geringsten akustisch nachvollziehbar ist? Wieso belässt er es allein bei virtuoser Oberflächlichkeit, und andererseits zum Prinzip erhobener Einfallslosigkeit, was die strukturelle Tiefe betrifft? Sein Programmtext läßt uns mit diesen Fragen völlig im Unklaren, und es drängt sich einem unweigerlich die Vermutung auf, dass es ihm selbst auch völlig unklar ist. Warum, warum, warum? Hatte er schlechte Lehrer? Ja. Ist es nicht ein bisschen zu viel, als Klarinettist konzertieren, Klarinette unterrichten und dann noch ein Stück nach dem anderen herausschleudern, Musik, die mit dem Anspruch daherkommt, nicht putzig, was sie in Wirklichkeit höchstens ist, sondern beladen mit Sinn zu sein? Ja. Versteckt sich hinter diesen verschmitzten Gefühlsbekenntnissen nicht hohler Betrug und blanker Blödsinn? Bestimmt.
Seine anderen Werktitel lesen sich ebenfalls wie SAT1-Wissenschaftsjargon: Lichtstudie, umdüstert, Ent-Schwebung, das Echo. Bestimmt schreibt Widmann bald klanggewordene Briefe An die ferne Geliebte, weil er sie, da ihm wohl auch der Computerbildschirm oder das Gehirn implodiert ist, nicht emailtechnisch in seine Nähe holen kann. Romantische Fieber-Phantasien hat er schon geschrieben (wir schreiben indessen übrigens das Jahr 2002, Herr Widmann!). Aber das ist für ihn wohl auch noch irreal weit weg.
Johannes Kreidler, Januar 2002