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Johannes Kreidler Komponist

Natasha Barrett: kraftfelt. Kritik/Manifest.

erschienen in der Zeitschrift Parergon

Die 1972 geborene Natasha Barrett komponiert hauptsächlich elektronische Musik. Das Album „kraftfelt“ bietet drei ihrer Werke, welche stereo (als CD) oder 5:1-surround (als DVD) gehört werden können.

Von Anfang an überzeugt die Musik technisch. Das Klangmaterial ist sehr elaboriert und fein zueinander abgestimmt. Natasha Barrett hat einen Sinn für intensive synthetische Klänge, und sie kann sie in vielen Facetten kreieren. Nun wäre es unrecht, Professionalität zu kritisieren. Aber doch liegt gleich in diesem Punkt etwas, woran man sich stören kann und was dann zu tieferen Gründen führt. Die Ästhetik Barretts reiht sich überdeutlich ein in eine Konvention gewordene Haltung, welche Reaktion auf ein ganz bestimmtes Problem der elektronischen Musik ist: Der Aspekt der Referenzlosigkeit. Das dritte Stück, „Exploratio invisibilis“, soll eine Reise durch eine imaginäre Klanglandschaft sein. Dies ist nicht per se unberechtigt, ist mittlerweile aber verkommen zum Klangmalerei-Klischee der elektronischen Musik. Dahinter steckt allzu deutlich der Wunsch, die Abstraktion der Klänge umzudeuten in assoziativ Reichhaltigeres - nach der Mimesis nun Virtualität. Nur sind solche vagen Assoziationen selbst wenig bereichernd. Die Zeit der klassischen Science-fiction-Filme ist vorüber, wo man uns andere, unheimliche Welten mit beeindruckendem technischen Aufwand vorführte. Wir haben es hier doch nur noch mit einer glatten Oberfläche zu tun, mit ziemlich absehbaren Prozessen, alles ist im Fluss, Plötzlichkeit gibt es bei ihr gar nicht (was doch gerade elektronisch so gut möglich wäre). Die Komponistin will der synthetischen Musik eine Art glitzernde ‚Naturwüchsigkeit’ verleihen. Das ist bestenfalls süffig und vor allem aber schnell ermüdend, wenngleich es opulent erscheint. Zweifellos hat diese Musik anderer, die ähnlich jene Klischees bestätigt, voraus, technisch lupenrein und in ihrer Weise durchaus sehr fantasievoll zu sein.

So gibt einem das zweite Stück, "Prospero's Party", auch eine Menge: Angelehnt an Edgar Allan Poe wird eine düstere Geschichte illustriert, und die gewisse dumpfe Stimmung ist wirkungsvoll in Szene gesetzt. Das Stück funktioniert als eine Art Hörspiel ohne Text, als Soundtrack einer Geschichte, der sich eigenständig mitteilen kann. Ohne viel Text wird hier anhand von stimmungshaften klanglichen Bildern glaubhaft erzählt. Was einem dabei aber wieder ärgerlich aufstößt, ist die ständige Abdrift ins Sphärische. Einen nackten, unverblümten Klang scheint die Komponistin partout zu meiden, ja gar Angst davor zu haben, und das ist nur zu deutliche spießbürgerliche Attitüde oder anders formuliert: kindisch-feminine Erotik. Barrett taucht lieber wieder ab in unbekannte Welten und rührt obskure, hallige Klanggemische an, anstatt etwas Pures und vielleicht auch wirklich Aussagekräftiges vorzusetzen. Und zur weiteren Erleichterung der Verdaulichkeit soll man den elektronischen Klängen 'Bedeutung' abhören. Man könnte sie doch auch einsetzen zu Etwas, das genereller ist und somit tatsächlich weitaus kommunikativer.

Was das sein könnte, scheint dabei als Aspekt auch durchaus ein paar mal auf: So die Begegnung von konkreten, also unserem Erfahrungsbereich zuordnenbaren Klängen und solchen, die ‚abstrakt’, synthetisch anmuten. Wenn beispielsweise algorithmische Vorgänge unspezifischer Klänge auf einmal zum Wasserplätschern werden, oder in gezogene, dunkle Klänge sich fast unmerklich menschliches Flüstern mischen, ist man positiv irritiert. Dies sind an sich zwei deutlich verschiedene Bereiche, und doch kommen verblüffende Verbindungen und Transformationen zustande. Sogleich tun sich dann aufregende Widersprüche in der Wahrnehmung auf - die aber hätten, in erkenntnistheoretischer Absicht, weit mehr ausgereizt werden können. Denn im nächsten Moment schwebt gleich wieder die Wolke der Verrätselung heran, das pseudo-weiträumige Sfumato, welches man die Exotik der elektronischen Musik nennen könnte. So werden gute Ansätze schnell und wirksam vereitelt. Es gibt einen Unterschied zwischen evidenter Unlösbarkeit von Konflikten und bloßer Geheimnistuerei, und den kann die Komponistin dann doch nicht verheimlichen.

Wünschenswert bleibt, die elektronische Musik könnte sich diesem scheinbaren Zwang zum Illustrativen entziehen. Entweder sie mutet dem Hörer doch ihre Abstraktion zu und handelt rein strukturelle Fragen ab, oder sie lässt sich auf die durchaus konkreten Aspekte ihres Wesens ein. So hat jeder Mensch ja mittlerweile elektronische Musik zu Hause, denn jedes Soundfile ist elektronische Musik und kann mit den Techniken der Elektronik geformt und de-formiert werden. Die gesellschaftliche Dimension (dass zudem der Besitz von Soundfiles, beispielsweise als mp3, ein Politikum ist, weiß mittlerweile auch Jede und Jeder) der neuen Medien gilt es künstlerisch zu bearbeiten; auf solche Auseinandersetzungen kommt es jetzt an.

Man könnte hier entgegnen, diese Musik von Natasha Barrett habe eben eine bestimmte Klientel, welcher auch ihr Recht zustehe. Und man könnte sagen, dies sei nun ein Teil der ausdifferenzierten Gesellschaft, in welcher diese Ästhetik eine von vielen sei, die alle gleichberechtigt nebeneinander stünden und Kritik daher nur relativ sei. Nur nimmt der homogene Stil Natasha Barretts ja einen klaren Standpunkt ein (was für sie spricht), und es ist nur gerecht, dass Kritik dann eine ebenso klare Position bezieht. Zudem ist übermäßige Toleranz auch keine kommunikative Leistung. Und aus einem politischen Bewusstsein heraus sind präzise artikulierte Meinungsäußerung und Imperative gerade erforderlich. Das ist die Hegelsche Anstrengung des Begriffs, und so sei polemisch resümiert:

Wer gerne eintauchen will in bunte, scheinbar unbekannte und uns fremde Welten, wer gewisse schillernde Faszinosa mag, der kann sich an Natasha Barretts Musik erfreuen. Der kann diese Musik wieder und wieder hören. Dies sind natürlich die Ziele, die vor allem die kommerziell orientierte Musik verfolgt. Natasha Barrett ist hiervon nicht allzu weit weg, und vielleicht würde sie dies auch gar nicht abweisen (ob ihre Musik ansonsten vielleicht gar nicht als Album erschien?). Wem aber an dem wirklich philosophischen, eigentlich menschenwürdigen Potenzial der Neuen Musik: Innovation, Selbstreferenzialität, kritisches Bewusstsein gegenüber der Aura von Klängen, Auseinandersetzung mit Problemen der Setzung und der Form etc. gelegen ist, wer angesprochen werden will und nicht nur etwas erzählt bekommen will, dem ist Barretts harmlose Sphärenharmonie wohl nur lästig.

 

Diese Kritik bezieht sich auf die Stereo-Fassung.

Johannes Kreidler, Oktober 2006